Archive für den Monat: November, 2011

löschte einen schulhausbrand, an der nürnberger straße, der legendären in l. – in diese schule wäre ich als kind gern gegangen, nachdem ich mich einmal in deren flure verirrt, und sicherlich hätte ich sie bald, wie jedes andere schulhaus auch, als öde empfunden, schon eingedenk der fahlgesichtigen fassade – nun, ich half trotzdem löschen, das funktionierte besser als das löschen des dursts; der feuerwehrhauptmann, behelmt, war von zwergenhafter statur, er überreichte mir hernach eine schatulle, die zu öffnen mir aber traumtechnisch nicht mehr möglich war …

….

erfinden – d.h. in diesem falle, in den textraum vorzudringen, ihn zu sondieren (was an eine operation gemahnt, das besteck des operateurs – es ist nicht das eigene gewebe, das er seziert, sein blick auf ein objekt gerichtet, der objektive blick, der sich so oft als obsessiv entpuppt), obsessiv diese sondierungen, allerdings – sie betreffen den eigenen körper, besser: die verkörperungen der eigenen geschichte, die sich in schichtungen ab- und überlagert; es ist ein blick, der die eigen- wie auch eigene wahrnehmung zu objektivieren vermag, die erfindungen, das fundgut (diese klangliche verwandschaft von fundus und fontes …)

Ab und an beschäftigt mich die frage, ob das traumleben, das eigene, nicht das intensivere leben ist, das traum-erleben, obgleich es sich doch auch aus tageseindrücken speist, und dazu aus all den geschichten, dem auf- und angeschichteten, über jahre, jahrzehnte, eingeätzt und -geprägt.

Es ist, als bezöge jegliches traumgebilde die nötigen informationen von einer art matrize, stellte sie die grundmuster für dieses traumkino, das nacht für nacht mit originären stoffen und plots aufwartet (selten, daß ich eine vorführung verpaßt), und manches findet sich x-fach variiert, mit wiedererkennungseffekt, dennoch kaum langweilig.

Traumfabriken nannte man die filmstudios, doch nur das vom surrealismus inspirierte kino (z.b. bunuels „der andalusische hund“) ist der darin implizierten vorstellung wirklich nahegekommen, mit sequenzen, die direkt dem traum entlehnt scheinen. Für die  protagonisten wie hans arp, andré breton und phillipe soupault mit der der psychologie des späten 19. jahrhunderts abgeschauten methode der ecriture automatique die voraussetzungen geschaffen haben. Heute muß man diese spur als beinahe ausgelöscht betrachten …

Filmindustrie und werbung bevorzugen abgerundete geschichten – traumreise nennt sich das dann, traumhochzeit, traumhaus, was nichts anderes als die landläufige und eindimensionale übersetzung eines geschehens, das mit der wahrnehmung von lichtreflexen im wachzustand beginnen mag, die den eindruck vermitteln, etwas ganz anderes gesehen zu haben …

Anmerkungen zu Elke Erbs Gedichtband Meins

Ich hielt mich auf in der Unsicherheit betitelt Elke Erb eines ihrer Gedichte, und vermittelt den Eindruck, daß die Unsicherheit ein Raum, in dem ein Sich Bewegen möglich, oder sie ein Mantel (ja, eingedenk der stehenden Redewendung: im Mantel des Schweigens gehüllt) – wir sehen eine auf wackligen Beinen stehende Alte, in den Mantel ihrer Unsicherheit gewandet, die sich kaum über die Straße wagt und uns veranlaßt, herbeizueilen … Diese Interpretation erscheint nach Art ihrer Dichtung und ihres dichterischen Selbstverständnisses nur konsequent, denn sowohl die Sprache als auch der Textkörper bilden für sie gleichsam Instrumentarium wie Raum für die Erkundungsgänge, auf die sie sich begibt.

Ihrem Band Meins, den sie Ende des letzten Jahres vorgelegt hat, eignet in gewisser Weise der Charakter eines Tagebuchs, was sich nicht allein an der genauen Datierung der Texte festmachen läßt, von denen etliche im besten Sinne Gelegenheitsgedichte sind, die ihren Stoff aus Alltagserleben, der Wahrnehmungsintensität der Autorin, ihrem Zwiegespräch mit fremden Texten und künstlerischen Arbeiten gewinnen. Es ist eine Bestimmtheit in ihrem tastenden sich Bewegen, der man sich nicht zu entziehen vermag. Manche der Texte erscheinen skizzenhaft, wie unterwegs aufnotiert, von der Intensität geborgener Augenblicke lebend:

Ablenkung im Zugfenster

Stetige Bäume zart./ Langhin zwischen den saatgrünen Feldern./ Es ist wahr, der Harz steigt an./ Lange Tunnel …/ Maulwürfe … Das Stirnhaar – Gras./ Dieselloktreue./ In Arbeitshaft. – Gut erfaßt!/ (Zikaden) [S. 119]

Zeilen, die mich in ihrer Diktion zuweilen an Bilder des Surrealisten René Magritte erinnern, zuallererst aber an die auf Fünf-Minuten-Notaten basierenden Gedichte in Sonanz, die voller Assoziationsreichtum sind. Und auch im vorliegenden Band findet sich vergleichbares, indes in einer noch komprimierteren Weise. Den Gedichten sind mitunter Subtexte beigesellt, die diskursiv oder kontrapunktisch angelegte Weiterungen darstellen. Von Kommentaren mag ich dabei bewußt nicht sprechen, viel eher, den Intentionen der Autorin folgend, von Miniaturen, denn sie bewegen sich letztendlich in derselben poetischen Diktion wie die Gedichte. Elke Erb selbst verweist in einer poetologischen Notiz an anderem Ort darauf, daß diese Anmerkungen und Reflexionen sich gleich gültig zu den wortführenden Texten verhielten – das genaue, direkte, prompte Gegenteil von gleichgültig. Hier schreibt sich ein poetische Methode fort, die zum ersten Mal in Elke Erbs 1983 erschienenen Band Vexierbild zu beobachten war und in Kastanienallee konsequent weitergeführt werden sollte, ein Schreiben, das prozessual und dialogisch zugleich angelegt ist und das den Zeilen folgende Ich in ein fortwährendes Gespräch einzubeziehen vermag. Zeile für Zeile werden wir Zeugen veränderter, sich wandelnder Perspektiven und Sichten, und gewinnen möglicherweise den Eindruck, es mit einem Spiel zu tun zu haben, wiewohl es sich um stringent gegliederte Strukturen handelt. Sie spürt in dieser Weise den eigenen Empfindungen, Wahrnehmungen nach, den Sprachbewegungen, hinterfragt, seziert sie und setzt sie in ganz ungewohnter Art wieder zusammen und zueinander ins Verhältnis. Geleitet von Wortklang und -sinn, von Assoziationen und Assonanzen, einer Satz- oder Sprachmelodie. Und ganz gleich, ob es um Beobachtungen und Impressionen gelegentlich einer Reise geht, den Blick auf Zurückliegendes (Kindheit, Eltern, Mutter) oder etwa das Realisieren des eigenen Alterungsprozesses, der sich nicht ohne einen Schuß Selbstironie widergespiegelt findet: jedes Wort scheint einen Widersinn in sich zu bergen …

Ach, könnte ich

So reden, daß ich den Hintergrund halte/ und// nicht, was ich rede, als einziges meine,/ die anderen meine, die Waage halte,// daß ich ziele und halte soviel wie/ noch bei mir sein – und bei ihnen so auch,// nicht nur/ unterwegs gleich dem Schall. [S. 130]

Im Kern dieses Gedichts finden wir auch Elke Erbs poetologisches Selbstverständnis versinnbildlicht, denn in ihren Sätzen zur Poetologie, die sie seit 2010 in Abständen auf der Seite des Verlags roughbooks publiziert, heißt es an einer Stelle:

Das Gedicht ist alles, was es tut.

Es ist, als Ganzes, als Komposition mehr als das, was es tut.

Es ist auch das, was es nicht tut.

(Sätze zur Poetologie, 4)

Und weiter:

Das Gedicht grenzt nicht aus, verkleinert die Welt nicht.

Sätze zur Poetologie, 3)

Aussagen, die auch auf die in den letzten sieben Jahren entstandenen Gedichte in diesem Band unbedingt zutreffen. Wir haben es hierbei zugleich mit einem Experimentierfeld und den Ergebnissen eines Erkundungsprozesses zu tun, die in Buchgestalt wie ihrer eigenwilligen typographischen Gestaltung eine kongeniale Umsetzung erfahren haben.

Die Reihe roughbooks ist ein Projekt des ambitionierten Schweizer Verlegers Urs Engeler, der Ende 2009 seine Verlagsaktivitäten aus finanziellen Gründen begrenzen mußte. Die neue Reihe, von der Meins den 6. Band darstellt, gibt sich in quadratischem Format und ist nur über den Herausgeber zu beziehen.

www.roughbooks.ch

Jayne-Ann Igel

Edenkoben, Februar 2011

Dieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift Ostragehege Nr. 62/2011 erschienen.

Schule, schon lange nicht von der Schule geträumt, der Hochschule oder Uni, wie ich sie später nannte, in einem mir selbst kaum bewußt nachvollzogenen Silbenersparungszwang, Uni, beinahe so gesprochen, als würde das Kürzel mit zwei n geschrieben …

An die Uni gegangen, von der Uni geflogen, der allseits nährenden Mutter, wenn fürs leibliche Wohl auch nur kärglich gesorgt war, und so manch anderes unverdaulich – große Hörsäle spielen in diesen Träumen kaum eine Rolle, da unsere Sektion, wie man die Fakultäten in der DDR bezeichnete, so klein, daß die meisten Lehrveranstaltungen in den großen Zimmern der Villa statthatten, in der die Sektion untergebracht war.

Nur die Gemeinschaftsvorlesungen im Saal, der früher den Salon des Hauses vorgestellt haben mochte und einen bedeutenden Teil der Bel-etage einnahm, und in dem es Säulen hatte, daß der Himmel oben blieb, uns im Zwischenraum gewähren ließ, uns Reservisten der Biosphäre, im Erdumlauf begriffen, jederzeit …

Die wir doch alle im Fell des Erdmantels hängen, uns daran festklammern, an das Fell, das stellenweise schütter, schorfig und zerfetzt, büschelweise ausgerupft, versengt, verbrannt, und wir endlos auf Fahrt, um uns noch einmal neu zu entdecken …

Anmerkungen zu Thomas Böhmes Roman „Der Schnakenhascher“

Der verlorene, verleugnete, bewunderte Bruder, das alter ego, der Blutsbruder, Halb- oder Zwillingsbruder, das andere Ich, wann fing das an, wurde es dem Ich-Erzähler bewußt, der hier eine Doppelexistenz führt und doch eine Kluft nicht zu überwinden vermag – das andere Ich ist jenes, das sich aussetzt: dem Schmutz, dem Unvorhergesehenen, den Gefährdungen, ein Ich, das keine Angst zu haben scheint, überm Abgrund zu balancieren …

Der so etwas wie die bessere Hälfte darstellt, nach der Art, wie Ehepartner gern ihr Gespons zu titulieren pflegen, als ob die andere Person ein Teil ihrer selbst. Mit wieviel mehr Recht hätte Alexander, der Ich-Erzähler, der ab und an auch zu sich selbst auf Distanz geht und in dritter Person berichtet, darauf insistieren können, in Bezug auf Raul, diesen jüngeren, in einem unbeobachteten Augenblick erwachsenen Bruder, um den sich der Roman dreht, für dessen Gegenwart die Eltern aber kaum ein Gespür entwickelt zu haben schienen. Dieser Bruder, der alsbald in ein Weltganzes entrückt werden sollte, wo es keine Grenzen mehr für ihn gibt, omnipotent wie das Klima oder der jeweilige US-Präsident, was Alexander nur noch zu konstatieren vermag. Denn viele Jahre später glaubt er ihn gelegentlich im Fernsehen zu entdecken, als Jungpionier oder Eroberer, in Sendungen, die sich in den Untiefen des Nostalgischen bewegen … Raul, der ihm nur noch in der Erinnerung gehört, während sich alles Dingliche, was an den Bruder erinnern könnte, scheinbar in Luft aufgelöst hat, obgleich der ein Sammler gewesen, ein Sammler von auf dem ersten Blick unnützen Dingen wie einzelnen Handschuhen, kaputten Regenschirmen oder Fahrscheinen aus den (in den 60er Jahren in Lulu eingeführten) Zahlboxen … Keine Photos im elterlichen Album, auf denen der jüngere Bruder zu sehen ist, und selbst der Zettel vom Rommé bei den Großeltern in Zwitschern, auf dem vier Namen verzeichnet, bleibt unauffindbar … Trotzdem in der Kindheit das Buhlen um die Aufmerksamkeit der Eltern, das Raul eher fremd, er ist keiner, der anderen gefallen möchte, das Gefallen indes scheint ihm zuzufallen, dem Sonntagskind, nur nicht seitens der Eltern, und dennoch fühlt sich Alexander zunehmend als der Unterlegene, als der, der für Enttäuschungen sorgt, für Defizite einstehen oder sie kaschieren muß …

Dieser Raul, immer unkontrollier-, unberechenbarer, je älter er wird, beginnt sich schon früh dem Elternhaus zu enteignen (kein Wunder, daß Alexander sich letztlich als Zurückgebliebener begreift), verläßt nächteweis das Haus, die Ferienwohnung, zu Erkundungsgängen aufbrechend, und irgendwann taucht er wieder auf. Er hält es mit den Geistern, die sich nicht ins Alltagsgetriebe einordnen lassen, mit Einzelgängern, Anstaltszöglingen oder dem Großvater, der als Pfleger in der Nervenheilanstalt von Zwitschern beschäftigt ist (Vorsicht, das färbt ab …). Raul, der auch bei den Jungs im Dorf gut ankommt, für die wiederum Alexander kaum existent, während der Bruder in all die Spiele und Mutproben, das Balancieren über die schadhaften Bohlen eines Wehres beispielsweise, involviert ist … Raul, der gern in der Masse aufzugehen scheint, als Jungpionier, all die Rituale liebt, die Morgenappelle zu Wochenbeginn … (auch eine Art Verschwinden, Verlorengehen).

Das geht Verbindungen zu den bruchstückhaften, fragmentarischen Erzählungen der Eltern ein, die sie von ihrer Vorzeit liefern, Überlieferungen, die Alexander mühsam zusammenfügen muß und die den Nährboden für Spekulationen bilden. In den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts, dem Handlungszeitraum des Romans, sind solche Erzählungen nichts ungewöhnliches, vor dem Hintergrund der durch NS-Regime, Krieg und Nachkriegsentwicklungen verursachten biographischen wie historischen Brüche … – Raul scheint da etwas respektloser, losgelöst von den elterlichen Ansprüchen geht er auf Erkundung, nein, er bedarf der Sicherungsleine nicht … Mit Alexander und Raul bewegen wir uns im Kosmos jener Zeit, den sie sich mit kindlicher Neugier vertraut machen und doch nicht restlos zu enträtseln vermögen, bewegen wir uns in diesem Lulu, dessen gelbe Straßenbahnen inzwischen Legende geworden, wie die Zahlboxen, die Mondlandung, Beatmusik vom Soldatensender, der Delphin Flipper, die Ochsenschwanzsuppe …

Schon im gemeinsamen Erleben die Angst, einander zu verlieren, d.h. nur Alexander hegt sie, wiederholt taucht sie in Zusammenhang mit Wasser auf, sei es nun beim Baden in der Kiesgrube, im Freibad oder in der Ostsee, wo Raul weit hinausschwimmt – da müssen auch wir den Atem anhalten, denn fast in jeder Klasse gab es einen, der aus den Sommerferien nicht zurückgekehrt …

Spätestens hier stellt sich die Frage, wer eigentlich wirklich der verlorene Bruder ist – ist es nicht Alexander selbst, der nach dem Verschwinden des Bruders verloren im Raume steht, ehe er sich zu finden versucht, viele Jahre später, und diesen Widerspruch, dieses Dilemma im dialektischen Sinne aufzuheben? All das scheint ein Balanceakt, wie das Balancieren des mondsüchtigen Raul auf der Balkonbrüstung, wo Alexander erst einen inneren Widerstand überwinden muß, ehe er hinzuzueilen vermag … Die Szenerie erinnert übrigens an ein großes Thema der Romantik, man mag an Tieck denken oder auch an Klabunds Gedicht „Die Mondsüchtige“, das als Parodie angelegt ist. Und sicherlich ist es kaum ein Zufall, daß die Mondsüchtigkeit Rauls in Kapitel 13 eingeführt wird – dem 13. Neumond im Jahr wurden und werden besondere Kräfte zugeschrieben … Im Roman erfährt das Motiv im Zaudern des Bruders seinen leisen Bruch.

Wir werden Zeugen eines auktorialen Erzählens, das dennoch als ein erkundendes, vorantastendes gelten kann, das sich auf mäandernden Linien durchs Gelände bewegt und auch die Gegenwart in die Reflexionen mit einbezieht.

Unklar bleibt, ob Raul dabei gelegentlich als Maske des Ich-Erzählers fungiert, unter der dieser gleichsam unbehelligt zu agieren und das Innerste nach außen zu kehren vermag? Eine Maskarade oder vielmehr ein Maskenzwang, über den er sich keine Rechenschaft gibt … Alexander, dem die Selbstverleugnung etwas Vertrautes, und der nur über Umwege sich selbst auf die Spur zu kommen vermag – da mag die Vision eines anderen, eines unverstellten, rückhaltlosen Ich, eines, das die Zukunft verkörpert und dem eigenen Ich bald überlegen ist, befreiend wirken … Aber diese Projektionen auf einen Bruder, von dem fraglich, ob er wirklich existent (selbst Alexander befallen in Abständen Zweifel, im Moment des Erlebens wie in der Erinnerung), verhelfen den Ich-Erzähler dazu, die eigene Person genauer in den Blick zu bekommen.

Offener denn je scheint für Alexander zurückblickend die Frage, wie das Sich-Erinnern funktioniert, ob es Filter gibt oder er gar Vorspiegelungen erliegt? Im Roman haben gleichsam eine Übertragung, eine Opferung und ein Verrat statt – kein Wunder, daß man sich an die Geschichte von Kain und Abel oder antike Tragödien erinnert fühlt.

Raul geht verloren, kaum daß er 14 Jahre alt geworden, ein Staatsbürger, der den Personalausweis gerade ausgehändigt bekommen, den Ausweis, der eine Art Schlüssel darstellt, ins Leben, zumindest innerhalb der Grenzen des Landes. An der Ostsee, wo die vierköpfige Familie den Urlaub verbringt, im Dreibettzimmer, finden wir eine der Schlüsselszenen des Romans verortet. Raul hält sich die meiste Zeit bei einem Einzelgänger, einem Sonderling auf, den es im Alter dorthin verschlagen, abseits der Gesellschaft, der mit ihm Fischen geht, lange Gespräche führt. Und er wird Alexander am Ende mahnen, gut auf seinen Bruder aufzupassen … Am nächsten Tag ist der Unbekannte verschwunden, samt Decke und allem …

Bleiben noch die Schnaken, jene zweiflügeligen Wesen mit den langen Beinen, die dem Einen als Mücken, dem Andern als Spinnen erscheinen mögen und doch harmlose Geschöpfe sind, die nicht mal stechen können, wiewohl sich diese Vorstellung hält und so auch eine unfassbare Angst vor den Schnaken, so sie sich ins Zimmer verirrt …

Jayne-Ann Igel

Thomas Böhme: Der Schnakenhascher. Roman. – Halle: Projekte-Verlag Cornelius, Edition Cornelius, 2010.

Dieser Text ist zuerst in der Zeitschrift SIGNUM, Heft 2/2011 erschienen.

hier, wo der wind nie zur ruhe kommt, oder doch nur selten einmal, was für verunsicherung sorgt – hier, wo alles von einer steten wellenbewegung bestimmt, das gelände, diese überseeische landschaft, über die die eismeere einst hinweggegangen – noch immer der geruch von tang, obgleich kaum sichtbar, was sich hier einst ab- oder angelagert, oder längst fortgetrieben vom strom …


„Der Aufstand, von dem hier berichtet wird, hat nicht stattgefunden“ – dieser Eingangssatz von Volker Brauns eben bei Suhrkamp erschienener Erzählung „Die hellen Haufen“, die die fiktiven Ereignisse in einem Ort namens Bitterode zum Gegenstand hat, könnte als Motto fürs Ganze stehen. Indes findet sich eine sinnverwandte Sentenz des Philosophen Ernst Bloch dem Band vorangestellt: Was wir nicht zustande gebracht haben, müssen wir überliefern.

Erzählt wird die Geschichte eines Aufstandes von Entlassung bedrohter Bergarbeiter und Beschäftigter anderer Industriezweige zu Beginn der 90er Jahre in Ostdeutschland. Die Geschichte, die so nicht stattgefunden hat, nimmt in Bitterode ihren Anfang. Den Hintergrund bilden die nach der Wiedervereinigung von der Treuhandanstalt vollzogenen Privatisierungen und Stillegungen vormals volkseigener Betriebe, in deren Folge Millionen ihren Arbeitsplatz verlieren sollten. Auch der eigentlich rentabel wirtschaftende Kalibergbau von Bitterode ist nun von Verkauf und Schließung bedroht, marktbeherrschenden Konzernen geht es allein um Marktbereinigung, und so organisieren die Kalikumpel einen Hungerstreik, der landesweit Solidarisierungen zeitigt, brechen zu einem Marsch in die Bundeshauptstadt auf, wagen den Aufstand. Einen Aufstand, der jedoch niedergeschlagen wird, weil sie viel zu wenige und ungenügend organisiert, nur ein Haufen … Im Erzähltem mitschwingend die Frage, was geworden wäre, wenn …

Natürlich fühlt man sich sofort an Bischofferode erinnert, an den über 80 Tage währenden Kampf der Bergarbeiter 1993, an jene Männer und Frauen, die im Hungerstreik ausharrten, bis die thüringische Landesregierung einlenkte, großzügige Abfindungen versprach, andere Arbeitsplätze. Und tatsächlich wurden in Zusammenhang mit diesen Vorgängen Befürchtungen laut, Bischofferode könnte Schule machen und in ganz Ostdeutschland einen „Flächenbrand aus Betriebsbesetzungen und Hungerstreiks“ nach sich ziehen, so das Wochenmagazin focus im Juli 1993. Von einem Betriebsrat des Suhler Jagd- und Sportwaffen GmbH wird gar der Ausspruch überliefert: „Wenn unsere Betriebe geschlossen werden, verteilen wir unsere Waffenvorräte“. Und tatsächlich formierte sich im Sommer 1993, als das Gros der DDR-Betriebe von der Treuhandanstalt schon privatisiert oder „abgewickelt“ worden war, was allein in Thüringen das Aus für 74% der Beschäftigten in der Industrie bedeutete, ein Aktionsbündnis aus Belegschaften geschlossener und von Schließung bedrohter Thüringer Betriebe, das sich bis nach Sachsen ausweiten sollte.

Ein durchgehendes Thema bei Braun bildet – man denke nur an „Machwerk“ oder „Die Vier Werkzeugmacher“ – die Eigentumsfrage und die nach der Verfügungsgewalt (auch über das eigene Leben), der Verantwortlichkeit, der Sinngebung, die eine hochpolitische ist und die Frage nach den Möglichkeiten für den Einzelnen in der Gesellschaft mit einschließt – „Eigentümer, so hatten sie sich nie gesehen“ heißt es an einer Stelle (S. 33), was impliziert: eben auch nicht zu der Zeit, als die Betriebe nominell noch volkseigen. Schon in „Das ungezwungene Leben Kasts“ von 1972, in dem drei Lebenssituationen des Titelhelden im Mittelpunkt stehen, begegnet man, in anderer Weise, dieser Perspektive. Da ist zu lesen: „Vieles wird noch wie ein fremder Besitz behandelt: auch das Leben.“

Brauns Erzählung macht deutlich, daß Geschehenes wie Ungeschehenes etwas zur Vorbedingung hat, das weit in die Geschichte zurückweist … Das Ungeschehene, Ungesehene, gleichsam weiße Flecken, die es zu erkunden gilt.

Nicht von ungefähr gemahnt schon der Titel des Buches an die „Bauernkriege“ während der Reformationszeit, deren Protagonisten, etwa Thomas Müntzer im Thüringischen oder Florian Geyer, bald nach Ende der Auseinandersetzungen zu Legenden wurden. Letzterer war Anführer des militärisch straff organisierten Schwarzen Haufens Odenwalder Bauern mit entsprechenden Uniformen, dem sich nach und nach Gruppen aus anderen Orten zugesellten, sodaß er, zwischen acht- und zwölftausend Mann stark, schließlich Heller Haufen und unter der Führung Götz von Berlichingens auch Heller Lichter Haufen genannt wurde. Daß die Aufständischen, die Bauernheere, zeitweise große Landstriche unter ihre Herrschaft gebracht, Städte und Dörfer, darf als ebenso bekannt vorausgesetzt werden wie letztendlich ihr Scheitern. Der Helle Haufen erwies sich als wenig geordnet und diszipliniert, er zerbrach auch an inneren Widersprüchen …