Anmerkungen zu Thomas Böhmes Roman „Der Schnakenhascher“

Der verlorene, verleugnete, bewunderte Bruder, das alter ego, der Blutsbruder, Halb- oder Zwillingsbruder, das andere Ich, wann fing das an, wurde es dem Ich-Erzähler bewußt, der hier eine Doppelexistenz führt und doch eine Kluft nicht zu überwinden vermag – das andere Ich ist jenes, das sich aussetzt: dem Schmutz, dem Unvorhergesehenen, den Gefährdungen, ein Ich, das keine Angst zu haben scheint, überm Abgrund zu balancieren …

Der so etwas wie die bessere Hälfte darstellt, nach der Art, wie Ehepartner gern ihr Gespons zu titulieren pflegen, als ob die andere Person ein Teil ihrer selbst. Mit wieviel mehr Recht hätte Alexander, der Ich-Erzähler, der ab und an auch zu sich selbst auf Distanz geht und in dritter Person berichtet, darauf insistieren können, in Bezug auf Raul, diesen jüngeren, in einem unbeobachteten Augenblick erwachsenen Bruder, um den sich der Roman dreht, für dessen Gegenwart die Eltern aber kaum ein Gespür entwickelt zu haben schienen. Dieser Bruder, der alsbald in ein Weltganzes entrückt werden sollte, wo es keine Grenzen mehr für ihn gibt, omnipotent wie das Klima oder der jeweilige US-Präsident, was Alexander nur noch zu konstatieren vermag. Denn viele Jahre später glaubt er ihn gelegentlich im Fernsehen zu entdecken, als Jungpionier oder Eroberer, in Sendungen, die sich in den Untiefen des Nostalgischen bewegen … Raul, der ihm nur noch in der Erinnerung gehört, während sich alles Dingliche, was an den Bruder erinnern könnte, scheinbar in Luft aufgelöst hat, obgleich der ein Sammler gewesen, ein Sammler von auf dem ersten Blick unnützen Dingen wie einzelnen Handschuhen, kaputten Regenschirmen oder Fahrscheinen aus den (in den 60er Jahren in Lulu eingeführten) Zahlboxen … Keine Photos im elterlichen Album, auf denen der jüngere Bruder zu sehen ist, und selbst der Zettel vom Rommé bei den Großeltern in Zwitschern, auf dem vier Namen verzeichnet, bleibt unauffindbar … Trotzdem in der Kindheit das Buhlen um die Aufmerksamkeit der Eltern, das Raul eher fremd, er ist keiner, der anderen gefallen möchte, das Gefallen indes scheint ihm zuzufallen, dem Sonntagskind, nur nicht seitens der Eltern, und dennoch fühlt sich Alexander zunehmend als der Unterlegene, als der, der für Enttäuschungen sorgt, für Defizite einstehen oder sie kaschieren muß …

Dieser Raul, immer unkontrollier-, unberechenbarer, je älter er wird, beginnt sich schon früh dem Elternhaus zu enteignen (kein Wunder, daß Alexander sich letztlich als Zurückgebliebener begreift), verläßt nächteweis das Haus, die Ferienwohnung, zu Erkundungsgängen aufbrechend, und irgendwann taucht er wieder auf. Er hält es mit den Geistern, die sich nicht ins Alltagsgetriebe einordnen lassen, mit Einzelgängern, Anstaltszöglingen oder dem Großvater, der als Pfleger in der Nervenheilanstalt von Zwitschern beschäftigt ist (Vorsicht, das färbt ab …). Raul, der auch bei den Jungs im Dorf gut ankommt, für die wiederum Alexander kaum existent, während der Bruder in all die Spiele und Mutproben, das Balancieren über die schadhaften Bohlen eines Wehres beispielsweise, involviert ist … Raul, der gern in der Masse aufzugehen scheint, als Jungpionier, all die Rituale liebt, die Morgenappelle zu Wochenbeginn … (auch eine Art Verschwinden, Verlorengehen).

Das geht Verbindungen zu den bruchstückhaften, fragmentarischen Erzählungen der Eltern ein, die sie von ihrer Vorzeit liefern, Überlieferungen, die Alexander mühsam zusammenfügen muß und die den Nährboden für Spekulationen bilden. In den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts, dem Handlungszeitraum des Romans, sind solche Erzählungen nichts ungewöhnliches, vor dem Hintergrund der durch NS-Regime, Krieg und Nachkriegsentwicklungen verursachten biographischen wie historischen Brüche … – Raul scheint da etwas respektloser, losgelöst von den elterlichen Ansprüchen geht er auf Erkundung, nein, er bedarf der Sicherungsleine nicht … Mit Alexander und Raul bewegen wir uns im Kosmos jener Zeit, den sie sich mit kindlicher Neugier vertraut machen und doch nicht restlos zu enträtseln vermögen, bewegen wir uns in diesem Lulu, dessen gelbe Straßenbahnen inzwischen Legende geworden, wie die Zahlboxen, die Mondlandung, Beatmusik vom Soldatensender, der Delphin Flipper, die Ochsenschwanzsuppe …

Schon im gemeinsamen Erleben die Angst, einander zu verlieren, d.h. nur Alexander hegt sie, wiederholt taucht sie in Zusammenhang mit Wasser auf, sei es nun beim Baden in der Kiesgrube, im Freibad oder in der Ostsee, wo Raul weit hinausschwimmt – da müssen auch wir den Atem anhalten, denn fast in jeder Klasse gab es einen, der aus den Sommerferien nicht zurückgekehrt …

Spätestens hier stellt sich die Frage, wer eigentlich wirklich der verlorene Bruder ist – ist es nicht Alexander selbst, der nach dem Verschwinden des Bruders verloren im Raume steht, ehe er sich zu finden versucht, viele Jahre später, und diesen Widerspruch, dieses Dilemma im dialektischen Sinne aufzuheben? All das scheint ein Balanceakt, wie das Balancieren des mondsüchtigen Raul auf der Balkonbrüstung, wo Alexander erst einen inneren Widerstand überwinden muß, ehe er hinzuzueilen vermag … Die Szenerie erinnert übrigens an ein großes Thema der Romantik, man mag an Tieck denken oder auch an Klabunds Gedicht „Die Mondsüchtige“, das als Parodie angelegt ist. Und sicherlich ist es kaum ein Zufall, daß die Mondsüchtigkeit Rauls in Kapitel 13 eingeführt wird – dem 13. Neumond im Jahr wurden und werden besondere Kräfte zugeschrieben … Im Roman erfährt das Motiv im Zaudern des Bruders seinen leisen Bruch.

Wir werden Zeugen eines auktorialen Erzählens, das dennoch als ein erkundendes, vorantastendes gelten kann, das sich auf mäandernden Linien durchs Gelände bewegt und auch die Gegenwart in die Reflexionen mit einbezieht.

Unklar bleibt, ob Raul dabei gelegentlich als Maske des Ich-Erzählers fungiert, unter der dieser gleichsam unbehelligt zu agieren und das Innerste nach außen zu kehren vermag? Eine Maskarade oder vielmehr ein Maskenzwang, über den er sich keine Rechenschaft gibt … Alexander, dem die Selbstverleugnung etwas Vertrautes, und der nur über Umwege sich selbst auf die Spur zu kommen vermag – da mag die Vision eines anderen, eines unverstellten, rückhaltlosen Ich, eines, das die Zukunft verkörpert und dem eigenen Ich bald überlegen ist, befreiend wirken … Aber diese Projektionen auf einen Bruder, von dem fraglich, ob er wirklich existent (selbst Alexander befallen in Abständen Zweifel, im Moment des Erlebens wie in der Erinnerung), verhelfen den Ich-Erzähler dazu, die eigene Person genauer in den Blick zu bekommen.

Offener denn je scheint für Alexander zurückblickend die Frage, wie das Sich-Erinnern funktioniert, ob es Filter gibt oder er gar Vorspiegelungen erliegt? Im Roman haben gleichsam eine Übertragung, eine Opferung und ein Verrat statt – kein Wunder, daß man sich an die Geschichte von Kain und Abel oder antike Tragödien erinnert fühlt.

Raul geht verloren, kaum daß er 14 Jahre alt geworden, ein Staatsbürger, der den Personalausweis gerade ausgehändigt bekommen, den Ausweis, der eine Art Schlüssel darstellt, ins Leben, zumindest innerhalb der Grenzen des Landes. An der Ostsee, wo die vierköpfige Familie den Urlaub verbringt, im Dreibettzimmer, finden wir eine der Schlüsselszenen des Romans verortet. Raul hält sich die meiste Zeit bei einem Einzelgänger, einem Sonderling auf, den es im Alter dorthin verschlagen, abseits der Gesellschaft, der mit ihm Fischen geht, lange Gespräche führt. Und er wird Alexander am Ende mahnen, gut auf seinen Bruder aufzupassen … Am nächsten Tag ist der Unbekannte verschwunden, samt Decke und allem …

Bleiben noch die Schnaken, jene zweiflügeligen Wesen mit den langen Beinen, die dem Einen als Mücken, dem Andern als Spinnen erscheinen mögen und doch harmlose Geschöpfe sind, die nicht mal stechen können, wiewohl sich diese Vorstellung hält und so auch eine unfassbare Angst vor den Schnaken, so sie sich ins Zimmer verirrt …

Jayne-Ann Igel

Thomas Böhme: Der Schnakenhascher. Roman. – Halle: Projekte-Verlag Cornelius, Edition Cornelius, 2010.

Dieser Text ist zuerst in der Zeitschrift SIGNUM, Heft 2/2011 erschienen.

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