Anmerkungen zu Elke Erbs Gedichtband Meins

Ich hielt mich auf in der Unsicherheit betitelt Elke Erb eines ihrer Gedichte, und vermittelt den Eindruck, daß die Unsicherheit ein Raum, in dem ein Sich Bewegen möglich, oder sie ein Mantel (ja, eingedenk der stehenden Redewendung: im Mantel des Schweigens gehüllt) – wir sehen eine auf wackligen Beinen stehende Alte, in den Mantel ihrer Unsicherheit gewandet, die sich kaum über die Straße wagt und uns veranlaßt, herbeizueilen … Diese Interpretation erscheint nach Art ihrer Dichtung und ihres dichterischen Selbstverständnisses nur konsequent, denn sowohl die Sprache als auch der Textkörper bilden für sie gleichsam Instrumentarium wie Raum für die Erkundungsgänge, auf die sie sich begibt.

Ihrem Band Meins, den sie Ende des letzten Jahres vorgelegt hat, eignet in gewisser Weise der Charakter eines Tagebuchs, was sich nicht allein an der genauen Datierung der Texte festmachen läßt, von denen etliche im besten Sinne Gelegenheitsgedichte sind, die ihren Stoff aus Alltagserleben, der Wahrnehmungsintensität der Autorin, ihrem Zwiegespräch mit fremden Texten und künstlerischen Arbeiten gewinnen. Es ist eine Bestimmtheit in ihrem tastenden sich Bewegen, der man sich nicht zu entziehen vermag. Manche der Texte erscheinen skizzenhaft, wie unterwegs aufnotiert, von der Intensität geborgener Augenblicke lebend:

Ablenkung im Zugfenster

Stetige Bäume zart./ Langhin zwischen den saatgrünen Feldern./ Es ist wahr, der Harz steigt an./ Lange Tunnel …/ Maulwürfe … Das Stirnhaar – Gras./ Dieselloktreue./ In Arbeitshaft. – Gut erfaßt!/ (Zikaden) [S. 119]

Zeilen, die mich in ihrer Diktion zuweilen an Bilder des Surrealisten René Magritte erinnern, zuallererst aber an die auf Fünf-Minuten-Notaten basierenden Gedichte in Sonanz, die voller Assoziationsreichtum sind. Und auch im vorliegenden Band findet sich vergleichbares, indes in einer noch komprimierteren Weise. Den Gedichten sind mitunter Subtexte beigesellt, die diskursiv oder kontrapunktisch angelegte Weiterungen darstellen. Von Kommentaren mag ich dabei bewußt nicht sprechen, viel eher, den Intentionen der Autorin folgend, von Miniaturen, denn sie bewegen sich letztendlich in derselben poetischen Diktion wie die Gedichte. Elke Erb selbst verweist in einer poetologischen Notiz an anderem Ort darauf, daß diese Anmerkungen und Reflexionen sich gleich gültig zu den wortführenden Texten verhielten – das genaue, direkte, prompte Gegenteil von gleichgültig. Hier schreibt sich ein poetische Methode fort, die zum ersten Mal in Elke Erbs 1983 erschienenen Band Vexierbild zu beobachten war und in Kastanienallee konsequent weitergeführt werden sollte, ein Schreiben, das prozessual und dialogisch zugleich angelegt ist und das den Zeilen folgende Ich in ein fortwährendes Gespräch einzubeziehen vermag. Zeile für Zeile werden wir Zeugen veränderter, sich wandelnder Perspektiven und Sichten, und gewinnen möglicherweise den Eindruck, es mit einem Spiel zu tun zu haben, wiewohl es sich um stringent gegliederte Strukturen handelt. Sie spürt in dieser Weise den eigenen Empfindungen, Wahrnehmungen nach, den Sprachbewegungen, hinterfragt, seziert sie und setzt sie in ganz ungewohnter Art wieder zusammen und zueinander ins Verhältnis. Geleitet von Wortklang und -sinn, von Assoziationen und Assonanzen, einer Satz- oder Sprachmelodie. Und ganz gleich, ob es um Beobachtungen und Impressionen gelegentlich einer Reise geht, den Blick auf Zurückliegendes (Kindheit, Eltern, Mutter) oder etwa das Realisieren des eigenen Alterungsprozesses, der sich nicht ohne einen Schuß Selbstironie widergespiegelt findet: jedes Wort scheint einen Widersinn in sich zu bergen …

Ach, könnte ich

So reden, daß ich den Hintergrund halte/ und// nicht, was ich rede, als einziges meine,/ die anderen meine, die Waage halte,// daß ich ziele und halte soviel wie/ noch bei mir sein – und bei ihnen so auch,// nicht nur/ unterwegs gleich dem Schall. [S. 130]

Im Kern dieses Gedichts finden wir auch Elke Erbs poetologisches Selbstverständnis versinnbildlicht, denn in ihren Sätzen zur Poetologie, die sie seit 2010 in Abständen auf der Seite des Verlags roughbooks publiziert, heißt es an einer Stelle:

Das Gedicht ist alles, was es tut.

Es ist, als Ganzes, als Komposition mehr als das, was es tut.

Es ist auch das, was es nicht tut.

(Sätze zur Poetologie, 4)

Und weiter:

Das Gedicht grenzt nicht aus, verkleinert die Welt nicht.

Sätze zur Poetologie, 3)

Aussagen, die auch auf die in den letzten sieben Jahren entstandenen Gedichte in diesem Band unbedingt zutreffen. Wir haben es hierbei zugleich mit einem Experimentierfeld und den Ergebnissen eines Erkundungsprozesses zu tun, die in Buchgestalt wie ihrer eigenwilligen typographischen Gestaltung eine kongeniale Umsetzung erfahren haben.

Die Reihe roughbooks ist ein Projekt des ambitionierten Schweizer Verlegers Urs Engeler, der Ende 2009 seine Verlagsaktivitäten aus finanziellen Gründen begrenzen mußte. Die neue Reihe, von der Meins den 6. Band darstellt, gibt sich in quadratischem Format und ist nur über den Herausgeber zu beziehen.

www.roughbooks.ch

Jayne-Ann Igel

Edenkoben, Februar 2011

Dieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift Ostragehege Nr. 62/2011 erschienen.

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