Archive für den Monat: Dezember, 2011

die o’berliner kohlenträger, die ihre fracht auf der offenen ladefläche kleiner transporter herankarrten, die briketts ordentlich gesetzt in holzkästen, die gegen die rückwand des fahrerhäuschens lehnten und von den trägern dann auf den buckel geladen wurden, in den kästen mattglänzend die schrift, gefügt aus schwarzen lettern, eine schrift, die zu nichts anderem bestimmt, als aufzugehen in feuer und rauch, schwarzschrift längst verloschener tage …

Lesart zu Wolfgang Hilbigs Kurzprosa Idyll und Bungalows
Das Morbide, das diese Erzählungen atmosphärisch prägt (in Idyll stößt der Ich-Erzähler auf eine halb zerfallene Mühle, erkundet die Räume, beginnt zu träumen; in der zweiten Erzählung zieht er sich zum Schreiben in einen leerstehenden Bungalow zurück, am Rande der Ortschaft), und das mich gleichermaßen angezogen wie abgestoßen hatte, der Ding-Welt verhaftet, weshalb ich diese Texte immer wieder lesen, mich immer von neuem hinein begeben mußte.

Hinein in diese Wucherungen, Abgründe, in denen ich verloren zu gehen, mich dem Erzähler gleich zu vergessen drohte, und in denen ich aus der Welt herausgenommen war, weil die beschriebenen Orte als Unorte längst schon von der Erinnerung aufgezehrt, nicht einmal mehr erfahrbar waren. Örtlichkeiten, an der Peripherie von Siedlungen gelegen, im Range von Wüstungen oder der einen und anderen Wüsten Mark, wie sie zahlreich in dieser Gegend zu finden waren, den Braunkohlerevieren südlich und nordwestlich von Leipzig, und zumindest dafür sorgten, daß es Legenden gab, die diese Orte mit der Außenwelt zu verknüpfen vermochten.

Legenden gleich Sicherungsleinen, damit sie nicht entgültig abdrifteten, in die Leere, in etwas, dem nicht einmal mehr ein Name eigen, das keine Bezeichnung verdiente, eine Existenz, die mit Worten nicht zu fassen ist, weil es dafür keine Worte gibt, für das Namenlose, und jeglicher Beschreibungsversuch scheitern müßte, und doch hat W.H. es vermocht, diesem Namenlosen einen Ort zu schaffen, der es ortbar machte … Und uns erfahrbar, daß wir nichts als Tagelöhner sind, Tagelöhner der Poesie, der Wirklichkeit, die ein strenges Regiment führt, einem nichts schenkt, es sei denn in einem anderen Sinne … und wir lediglich hineingeliehen, in diese Rolle …

Jayne-Ann Igel
Die beiden Erzählungen sind erstmals in „Stimme Stimme“ erschienen, Reclam Verlag, Leipzig 1983. Neu editiert in W.H. Erzählungen. – Frankfurt/M.: S. Fischer Taschenbuch Verlag, 2002.

….

die nachricht, daß das alphabet ersetzt worden wäre, den ersatz bildeten die ziffern 1, 2 und 3, inclusive diverser satzzeichen, die ihre gültigkeit behielten, ein zeichensystem, das auch nicht mehr alphabet genannt werden dürfte: alphabet, rechtschreibung … – begriffe, aus dem gedächtnis zu tilgen; die kombinationen der drei ziffern mit leer- und satzzeichen konstituierten in der folge einen text, über dem ich ratlos saß, obgleich ich selbst ihn verfaßt hatte – was mich an das buchstabieren erinnerte, über die fibel gekrümmt, während der zeigefinger unter einem der buchstaben stockte, dessen bedeutung ich vergessen, wie mir der sinn des gesamten wortes verlorengehen sollte, so ich es durchbuchstabiert hatte …

Wenn elke anruft, was gelegentlich geschieht, ist mir, als gälte dieser anruf einem anderen, meinem verwahrlosten ich, während ich auf den bildschirm des computers starre, auf die seite, die ich kurz zuvor angeclickt; als gälte der anruf dem ich, das in der vergangenheit all die texte verfertigt, die mir zugeschrieben werden, und das nun einem verlottern anheimgefallen, nur ab und an noch berührt von anklängen –

An einem der abende erzählt sie mir, daß sie jeden morgen gedichte läse, dies zu ihrem tagesbeginn dazugehöre, und das veruntreute ich erinnert sich zeiten, da es bei ihm ähnlich gewesen, es die alltägliche lektüre poetischer texte als lebensnotwendig empfunden hatte, und dies nun erst einmal vorbei ist, wiewohl noch alles dazu nötige vorhanden …

und wir kommen dann über die bezeichnung tussi auf thusnelda und die hermannsschlacht von kleist zu sprechen, und über die gitter, gegen die ich, so elke, immer wieder angeschrieben, aufs gefängnis, innerhalb dessen mauern grabbe einen teil seiner detmolder  kindheit und jugend verbracht – in grabbes biographie ist zu lesen, daß sein vater zuchtmeister gewesen, das zuchthaus vor ort wurde im 18. jahrhundert errichtet …

Zuchtmeister, gestrenger erzieher, wie mein vater, später, nur daß wir in einem hause gegenüber der haftanstalt wohnten, am stadtrand von l., von dessen fenstern aus jedoch ein wesentlicher teil des gefängnishofes eingesehen werden konnte …; im gespräch auch die erinnerung an thomas valentins erzählung „grabbes letzter sommer“, die mich anfang der 80er jahre nachhaltig beeindruckt – die gitter seines gefängnisses endgültig niederzuwerfen hat grabbe wohl zeitlebens nicht vermocht, von der trunksucht ausgezehrt, nicht erfüllter liebe, und allzulang mit einem stück über die hermannsschlacht befaßt, einer wucherung im vergleich zu kleists text …

Aber das flüchtige ich vermag kaum zu verweilen, kennt nur mehr das flügelschlagen, und bleibt dann doch hängen an einem text, der in elke erbs gedichtband vexierbild von 1983 zu finden ist: „mit eins“, in dem von vorahnungen die rede, vorahnungen, die sich selbst über dinge mitzuteilen wissen, oder ist es einfach das atmen der dinge –

„Da kommt was. – Wahrhaftig, kommt was!“ sagte eine Latte zur anderen des rund unsere Sommervilla umschließenden Zauns. (Die Latte meinte, etwas käme die Allee herauf.) „Struzzi kommt da“, dachten die Fenster still hinter den Stirnen (verschrumpelter Jalousie). Es wurden ebenso still drinnen die Frühstücksbrötchen, happ!, verzehrt. Wahrhaftig, mit eins flog auf die sinnende Tür, schwuppdich durchs Ventil, die Diele, herein mit ihrem ständigen Sturzbach der Ohs und Jehs und Neuigkeiten und der Artigkeiten trat soeben die geborene Altwienerin. „Struzzi, Mädel!“ rief man vom Frühstückstisch auch aus ihr zu.

Das ich blättert weiter im buch, das eines meisterhafter miniaturen ist, entdeckt auf einigen der blaßblauen seiten handschriftliche notizen, die wohl aus der zeit stammen, da dieser band erschienen …

P.S. mein verleger schrieb mir, dies sei eine traurige geschichte – ich finde sie schön …

Vor zehn Jahren, am 16. Dezember 2001, starb der 1913 in Chemnitz geborene Schriftsteller Stefan Heym – von Anfang an war er mir als eine Art Methusalem der deutschsprachigen Literatur erschienen, als einer, der aus dem Unbekannten kam. Im elterlichen Bücherschrank fand sich ein Roman des Autors mit dem Titel Der Fall Glasenapp, allein schon der Name des Titelhelden dünkte dem Kind geheimnisvoll.

Da hatte Heym es wohl noch nicht bei den Oberen verschissen, in den fünfziger, anfang sechziger Jahren, der Exilant, dessen erste Werke aus dem Amerikanischen übertragen werden mußten und der über ein Vorleben verfügte, eine Vergangenheit, die einen langen Schatten warf, der dieses Leben scheinbar einhüllte, verbarg … Ich weiß nicht, ob das Kind, das ich vorstellte und das den Buchbestand der Eltern durchforschte, seitdem es Vertrauen zum Alphabet gefaßt, den Glasenapp je bis zur letzten Seite gelesen, diese Geschichte um den Tod eines Wehrmachtsoffiziers im besetzten Prag, oder es ihm eher langweilig erschienen, damals, ohne Kenntnis des Kontextes, der Bezüge.

Der Name des Autors sollte mir erst in den Endsiebzigern wieder begegnen, in Zusammenhang mit der Biermann-Ausweisung als Mitzeichner der Protesterklärung gegen die Ausbürgerung, und nach Lektüren von Hermlin, Hein, Wolf – erst der Name und dann der Autor in umso klarerer Gestalt als Vertreter einer Position, die ich teilte. Seine Arbeiten erschienen zu jener Zeit fast ausschließlich in westdeutschen Verlagen. Bücher wie Ahasver und Collin, letzteres eine Aufarbeitung der Ereignisse um den 17. Juni 1953 wie auch Abrechnung mit dem Stalinismus in der DDR, wanderten in unserem Freundeskreis von Hand zu Hand, bildeten den Ausgangspunkt für Gespräche, geistige Exkursionen …

Einen nachhaltigen Eindruck bei mir hinterließ indes der schon 1972 publizierte König-David-Bericht, jenes Lehrstück über die Manipulation von Geschichte, Geschichtsschreibung – mir fiel es nach dem Theologiestudium in die Hände, unverkennbar die Anspielungen auf eine Realität, die auch unser Alltag war. Jeder hatte wohl schon davon gehört oder selbst erlebt, daß offizielle Photos, auf denen in Ungnade gefallene Persönlichkeiten zu sehen, einfach retuschiert wurden, die Werke ausgereister Autoren aus den Buchläden verschwanden, in Bibliotheken nicht mehr einfach ausgeliehen werden konnten, das betraf etwa die Werke Reiner Kunzes, der 1977 das Land verließ. Dies alles eine Revision von Geschichte, die doch stattgehabt hatte …

Noch kurz vor Lektüre des König-David-Berichts hatte ich mich während des Studiums mit der Entstehungsgeschichte der Heiligen Schrift auseinandergesetzt, der Vielzahl von Redaktoren, die mit ganz unterschiedlichen Intentionen die einzelnen Dokumente ausgewählt und zum Kanon erhoben hatten – im Kontext des Romans von Heym sollte mir das alles vertraut erscheinen. Und dieser Roman dürfte auch heutzutage, beispielsweise hinsichtlich der Anmaßung der Deutungshoheit über die DDR-Geschichte (und ihrer auf Stasi, Mauer, Stacheldraht reduzierten Erzählung) seitens einer politisch wie geistig konservativ geprägten Elite, kaum an Aktualität eingebüßt haben …

Daß Stefan Heym als integer und unbestechlich galt, läßt sich auch an der Tatsache ablesen, daß er 1989 zu den Erstunterzeichnern des Aufrufs „Für unser Land“ gehörte und sich im November 1994 als Alterspräsident in seiner Eröffnungsrede zur Konstituierung des 13. Deutschen Bundestags überaus kritisch zu den politischen und sozialen Verhältnissen im wiedervereinigten Deutschland äußerte, ein der Solidarität verpflichtetes Miteinander anmahnte.

Persönliches Resümée nach den Diskursen in den Jahren deutsch-deutscher Jubiläen

Aus der Opferrolle heraustreten, der Rolle, sich als Opfer dieser oder jener Verhältnisse zu betrachten, was nicht ausschließt, unter den Gegebenheiten zu leiden. In unzähligen kleinen Schritten habe ich diese Verhältnisse mit reproduziert, in der DDR wie heutzutage, günstigstenfalls unwillig oder unbewußt, mittels jener Schritte, die nötig waren, um überhaupt in diesen Verhältnissen zu existieren, unterm Druckverband.

Das Ding, das ich vorstellte, hat etliche Regeln anerkennen, in Kauf nehmen oder befolgen müssen, um der staatsbürgerlichen Rechte habhaft zu werden, die es trotz aller diktatorischen Züge auch gab, unterm Druckverband. Zuvörderst das Recht, sich zu legitimieren, eine Existenz zu begründen, hier, unterm Schutzverband, wo es den Schnabel nicht halten mochte. Das Ding ist groß geworden, hat Anträge gestellt, Eingaben geschrieben, um der Rahmenbedingungen der eigenen staatsbürgerlichen Existenz willen, die Behörden hat es anerkennen müssen, die Gremien und Funktionsträger, als Adressaten der Erklärungen und Forderungskataloge …

Manchmal hatte das Ding Glück und die eine oder andere Instanz ging darauf ein, weil die Forderung rechtens war und sogar in der Verfassung verankert, und für die Gesetze erlassen worden waren, einsehbar in der Gesetzesblattsammlung. Und manchmal bekam es im Ringen um die Konstitution der eigenen bürgerlichen Existenz auch Unterstützung von der einen oder anderen Amtsperson oder Instanz, die das gesetzlich Verankerte für wahr erachtete …

Irgendwann mit neunzehn oder zwanzig Jahren sollte dem Ding ein Licht aufgehen und die Widersprüche zwischen Staatsdoktrin und Lebenswirklichkeit in dieser deutschen demokratischen Republik schlaglichtartig erhellen: alles erschien bizarr in diesem Licht, plötzlich schien nichts mehr zu stimmen, zusammenzupassen, doch die staatsbürgerliche Existenz, die das Ganze irritiert und zwiespältig wahrnahm, sollte im Lande bleiben, was anfangs noch keine bewußte Entscheidung.

Ich nutzte die Möglichkeiten, die hier gegeben waren, um Klarheit zu erlangen, über mich und über die Wirklichkeit, die mich umgab. Verbündete mich mit Anderen, tauschte mich aus, in privaten wie öffentlichen Zirkeln und Räumen, machte Pläne fürs Hierbleiben und gegen das Schweigen, Verstummen, ein Vogel, der „nicht hören wollte“ d.h. nicht gehorchen. Es gab Rügen, Raumverweise, Strafen – das alles erduldete diese Existenz und hatte auch ein wenig Glück dabei, konnte weitermachen … Und immer gab es irgendwo eine Hand, die aufhalf und wieder zurück ins öffentliche Leben, eine Hand, die manchmal gut bestallt und mit etwas Einfluß ausgestattet war und nicht so verlogen, zu ignorieren, was im Lande „Sache“ war …

Das Nichts, das ich vorstellte, hatte gelernt, Opfer zu bringen, ohne zum Opfer zu fallen – dem Staat, den Verhältnissen, dieser Zeit, die in den 70er und 80er Jahren nicht mehr die stalinistischer Lager war.

Mir wurde schwindlig nach 1990, und wird es auch heute, wenn ich die Eliten der sogenannten „bürgerlichen Mitte“ in Bezug auf DDR-Geschichte von „Opferschutz“ sprechen höre, von einem Schutz, der den Opfern dieses Unrechtsregimes gebühre. So notwendig er auch sein mag, so wohnt ihm doch ein gefährliches Moment inne: das Moment der Entmündigung, der Enteignung der eigenen Geschichte – Andere bestimmen jetzt über die eigene Geschichte und erlangen Deutungshoheit im Diskurs, während man selbst nicht mehr das Subjekt dieser Geschichte ist, nurmehr das Objekt, das Opfer. Immer wieder muß ich an Fanons grandioses Essay „Das kolonisierte Ding wird Mensch“ denken, ich habe es in den 80er Jahren gelesen, kurz nachdem es im Leipziger Reclam Verlag erschienen war. Die Algeriennes hatten sich im Befreiungskrieg vom Opferstatus emanzipiert und zu Subjekten ihrer Geschichte gemacht, sie sind aus der Opferrolle herausgetreten, wie auch Viele hierzulande in der kurzen Spanne des Herbstes 1989 …

Doch seitdem beobachte ich eine gegenläufige Bewegung, ein Großteil der an den 89er Ereignissen Beteiligten hat sich von ihrem Subjektstatus wieder absentiert. Tragisch ist dies insbesondere in Bezug auf jene, die einmal zu den Protagonisten der DDR-Bürgerrechtsbewegung gehörten – etliche von ihnen haben sich im Nachhinein mit einer Opferrolle abspeisen lassen, und sie bilden heute lediglich ein illustratives Beiwerk zum laufenden Diskurs über DDR, Friedliche Revolution, Mauerfall und Deutsche Einheit.

In einem Gedicht aus dem Jahre 1988 schrieb ich:

in die herde getrieben war ich einer der ihren, von den hütern auserwählt, einer der ihren mit meinen angstgesichten, schaum vor dem mund, der in blasen explodierte; der herren opfertier schlug um sich, nur ohnmacht galt es zu erringen mit spielen, die in die leere des tages griffen …

Jayne-Ann Igel

Zuerst erschienen in der Zeitschrift SIGNUM, H. 2/2010

Nachts träumte mir von gefrorenen Pfützen, was für den Spätherbst sicherlich nichts Ungewöhnliches, wohl aber bei gleichfalls geträumten fünf Grad plus – Der Traum wartete wie immer mit Tatsachen auf, ohne dafür Erklärungen liefern zu müssen … Die Eishaut auf dem Wasser war dünn, zerbrechlich, das Wetter heiter, das Restlaub leuchtete von den Baumkronen herab, und so ich mich solch einer Witterung auch zu erfreuen vermag, wohnte dem Anblick doch etwas Untröstliches inne, jetzt im November.

Man fühlt sich verlassen, zurückgelassen, alles erscheint blaß um einen her, und man vermeint das Kratzen in der Kehle zu spüren, ein Kratzen, das für diese Jahreszeit charakteristisch – Katarrh, dies wundersame und dem Gesamtzustand der Seele angemessene Wort, überliefert aus dem Griechischen, das ich schon lange Zeit nicht vernommen oder gelesen, obwohl es so überaus zutreffend: Die Seele selbst ist angekratzt, oder das Gemüt (und das, was wir Melancholie nennen, stellt nur ihren Feinschliff dar, den Feinschliff der Seele; unvorstellbar, daß ein Melancholiker hustet, aus sich herausstößt, was ihn im Innersten stört, aufkratzt – der Melancholiker sublimiert und wird auch kaum eine Allgemeinarztpraxis aufsuchen, um sich den Infekt behandeln zu lassen) – Der Katarrh also, der Katarrh der oberen Luftwege, der für dieses Kratzen und Kribbeln ursächlich, scheint völlig in Vergessenheit geraten, und man kann froh sein, daß das Wort überhaupt noch im Duden aufzufinden ist, zumindest im alten, der vor der Rechtschreibereform Gültigkeit besessen.

Die Seele ist also angekratzt, spätestens mit Antritt des Monats November, dem man diverse Gedenktage untergeschoben, angefangen von Allerseelen bis hin zu Buß- und Bettag, Totensonntag und Kleiner Fastenzeit, die die Seele ordentlich bereiten für den vorweihnachtlichen Mürbeteig (es bedarf nur wenig in dieser Zeit, die Seelen zu retten), und schneller dreht sich das Rad, man willigt ein in die Geschwindigkeit … Vergißt peu à peu den Katarrh, lauscht andächtig der Hustenkantate anderer Zeitgenossen in Kino, Konzert oder Kirchenschiff, berauscht von der leichten Übertemperatur – so könnte es bleiben, dieses Fieber macht einen schweben, und im Schlaf sinkt man nicht in Urgründe ab, schwer … Es ist ein Trugschluß, zu glauben, der Melancholiker befinde sich in permanenter Trauer – er ist ein Physiker der Seele, vermag sie im Gleichgewicht zu halten …

„Jedes Wort birgt einen Widersinn in sich“ notierte ich ins Tagebuch, und der Auslöser für diesen Gedanken war, daß ich kurz zuvor das Wort Flußläufe gelesen und dabei die Läufe eines Tiers vor Augen hatte, daß also auch der Fluß nichts anderes als eine Wesenheit, die sich auf ihren Läufen fortbewegt durch Raum und Zeit, über Stock und Stein, wie es oft heißt, auf Läufen, die ermüdet und kalt, bläulich verfärbt – das Wasser läuft, man läßt es laufen, das gezähmte im Hause, manchmal sieht man es überlaufen, und ich stellte mir vor, daß es ein Tausendfüßler, der in fließender Bewegung, gleich der Rede, die in Fluß geraten, aus anfänglichem Stocken und Stolpern erlöst, einem Stottern … Immer dies Gehen, dies sich Festhaken an einem Wort, das vielfüßig sich behauptet, im Vers, dies Buchstabieren von neuem …

Das Gros der Arbeiten ist in einer Zeit entstanden, in der eine andere Erosion durch das Land ging, eine Erosion, deren Fortschreiten beinahe täglich wahrnehmbar war und als solche auch in Arbeiten wie „Ein Krankenporträt“ oder „Zwischen Greenpeace und Offiziersskat“ Eingang gefunden hat. Die Erosion der überkommenen gesellschaftlichen Verhältnisse, die er in der von Abriß und Stillegung geprägten Industrielandschaft südlich von Leipzig miterleben mußte. Und Pohlmann kann in einem weiteren Sinne auch als Chronist dieser Veränderungen, Wandlungen betrachtet werden, als Chronist, der die Entwicklungen des eigenen Ich in diese Beobachtungen mit einbezieht. Ihn interessieren Erosionen aber auch im ursprünglichen Sinne – über Jahre hat er z.B. in regelmäßigen Abständen den Tagebauaufschluß bei Cospuden aufgesucht, der als Bergbaufolgelandschaft nun von Gewässern dominiert wird, und solche Um- und Überformungen sind es, die ihn faszinieren, die gleichsam den poetischen Raum, den Hintergrund seiner Sprache bilden. Spielerisch vermag er diese Räume auszuweiten, nicht nur thematisch („Aus einem Louvre an inneren Bildern“), sondern indem er sich einer reichen Formensprache bedient. Die im Band zu findenden essayistischen Arbeiten können zudem auch als poetologische Ansätze („Kastanienlaub als sommerliche Lampe“) gelten.

Pohlmann, der Anfang der 90er Jahre beim unabhängigen kanal x eine Ausbildung zum Cutter durchlaufen und als solcher über ein Jahr für eine Medienfirma im Harz gearbeitet hat, greift in einigen Texten bewußt auf Mittel filmischen Erzählens zurück („Konvexion mit Brieftauben und Raben“/ „Rendevous mit Tätigkeitswörtern“). Er führt uns ein in die Gelasse unterhalb des Leipziger Hauptbahnhofs, die gleich einer Nekropole neben bzw. unter der Metropole, riesige Lagerhallen, die quasi den Bedingungsrahmen wie auch die Kehrseite unserer oberirdischen Existenz vorstellen („Nachtvorstellung. Nach Bertolucci“). Dieser Text ist als einer der Schlüsseltexte Pohlmanns für das (Selbst-)Verständnis der eigenen poetischen Sprache zu betrachten. In filmischen Sequenzen sind die verschiedenen Zeiträume, die das poetische Ich durchlaufen hat, wahrnehmbar, und zugleich mischt sich diese Prosa in den permanenten gesellschaftlichen Diskurs über die Wertigkeit eines in der untergegangenen Republik stattgehabten Lebens, das Gewicht der dort gesammelten Erfahrungen ein. Die Frage, ob es wirklich nur ein Nicht-Leben gewesen, gelebt von einem Nicht-Ich … Im Gedicht „Die neuen Sündenböcke“ können wir darüber hinaus ein faszinierendes Spiel mit den Ereignissen um den Mauerfall mitverfolgen, und es stellt indirekt auch die seitens einer bundesdeutschen Elite beobachtbare Usurpation der Deutungshoheit über die Geschichte und Vorgeschichte der Wende und die mentale Verfaßtheit der Ostdeutschen unter den Bedingungen des Unrechtsregimes in Frage.

Tom Pohlmann, der sich nach der Relegierung vom Pädagogikstudium 1987 jahrelang als Hilfsarbeiter und mit diversen Jobs hatte durchschlagen müssen, auch unter bundesrepublikanischen Verhältnissen, hat sich selbst nie als Arbeiter sehen noch in diese Rolle integriert erfahren können. Im Gegensatz zu Wolfgang Hilbig, der von der Unvereinbarkeit von proletarischer Existenz und dem Beruf des Schriftstellers gesprochen hatte, der Unmöglichkeit, ein Arbeiterschriftsteller zu sein, weil sich das für ihn ausschließe, spricht Pohlmann „von der Unmöglichkeit, eine proletarische Existenz zu begründen“. Und doch profitieren viele seiner Texte von den Erfahrungen in der Arbeitswelt, die ihn geprägt haben.

Das Buch ist 2008 im Plöttner Verlag Leipzig erschienen.

Einige Anmerkungen zu Anne Dorns Gedichtband „Wetterleuchten“

Anne Dorn ist vor allem eine Sammlerin, eine Sammlerin von Dingen, Augenblicken, Wegen, alltäglichen Gelegenheiten … Wie es in ihrem Eingangsgedicht, das auch als dichterisches Credo gelten kann, zu lesen ist: „Eine Spannerin bin ich geworden./ In der Stadt sammele ich,/ und draußen, in den kleinen Ortschaften,/ die die Traurigkeit ihrer Bewohner aufsaugen/ und über den Winter retten,/ breite ich mein Sammelgut aus“.

Das Gros ihrer Gedichte ist der Gegenwart, dem Alltag, dem Erleben und Erfahren von Natur verpflichtet. Immerzu begegnen wir Pflanzen, Vögeln, auch diesem und jenem Gestein, das uns vordem vielleicht unbekannt, wie die landschaftlichen Namen mancher Gewächse, die schon in Vergessenheit geraten sind. Was indes in diesen Arbeiten, die man der Kategorie „Naturgedicht“ zuordnen mag, auch statthat: das Reflektieren der eigenen wie gesellschaftlichen Realitäten, der Gebrechlichkeit, des Alters, nicht ohne leisen Humor und in selbstironischer Distanz („Wellenschlag“/ „Stürmisch vorweg“).

In einem Gedicht heißt es: „Er sollte von mir nicht verlangen,/ daß ich Wahrheiten finde –/ ich erfinde so gern!“ („Vielleicht“). Das Erfinden, in Anne Dorns Wortsinn umfaßt dies mehr als das Aufsammeln oder Verzeichnen von Vorgefundenem („Vergessene, wispernde Halde“). Es ist eher ein Erkundungs- und Beobachtungsgang, der Entdeckungen zeitigt, und berückend der spielerische Umgang auch mit den Worten: „Aufgeschreckt flattert die Scheu zu den Eulen“ („Draußen im Wald und im Mai“) – man vermag sie sich bildlich vorzustellen, diese Scheu …

Dabei zeichnet sich, in der Prosa wie in den Gedichten, die Sprache Anne Dorns durch eine Schlichtheit aus, eine Nähe zum Umgangssprachlichen, wie es mithin schon die Gedichttitel signalisieren, und dennoch lebt sie von einer inneren Spannung, Weiträumigkeit. Daraus entsteht eine erzählerische Poesie, die manchmal balladesk oder auch Gesang …

Anne Dorn: Wetterleuchten. Poetenladen, Leipzig 2011. Band 1 der Reihe Neue Lyrik, die im Auftrag der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen herausgegeben wird.