Einige Anmerkungen zu Anne Dorns Gedichtband „Wetterleuchten“

Anne Dorn ist vor allem eine Sammlerin, eine Sammlerin von Dingen, Augenblicken, Wegen, alltäglichen Gelegenheiten … Wie es in ihrem Eingangsgedicht, das auch als dichterisches Credo gelten kann, zu lesen ist: „Eine Spannerin bin ich geworden./ In der Stadt sammele ich,/ und draußen, in den kleinen Ortschaften,/ die die Traurigkeit ihrer Bewohner aufsaugen/ und über den Winter retten,/ breite ich mein Sammelgut aus“.

Das Gros ihrer Gedichte ist der Gegenwart, dem Alltag, dem Erleben und Erfahren von Natur verpflichtet. Immerzu begegnen wir Pflanzen, Vögeln, auch diesem und jenem Gestein, das uns vordem vielleicht unbekannt, wie die landschaftlichen Namen mancher Gewächse, die schon in Vergessenheit geraten sind. Was indes in diesen Arbeiten, die man der Kategorie „Naturgedicht“ zuordnen mag, auch statthat: das Reflektieren der eigenen wie gesellschaftlichen Realitäten, der Gebrechlichkeit, des Alters, nicht ohne leisen Humor und in selbstironischer Distanz („Wellenschlag“/ „Stürmisch vorweg“).

In einem Gedicht heißt es: „Er sollte von mir nicht verlangen,/ daß ich Wahrheiten finde –/ ich erfinde so gern!“ („Vielleicht“). Das Erfinden, in Anne Dorns Wortsinn umfaßt dies mehr als das Aufsammeln oder Verzeichnen von Vorgefundenem („Vergessene, wispernde Halde“). Es ist eher ein Erkundungs- und Beobachtungsgang, der Entdeckungen zeitigt, und berückend der spielerische Umgang auch mit den Worten: „Aufgeschreckt flattert die Scheu zu den Eulen“ („Draußen im Wald und im Mai“) – man vermag sie sich bildlich vorzustellen, diese Scheu …

Dabei zeichnet sich, in der Prosa wie in den Gedichten, die Sprache Anne Dorns durch eine Schlichtheit aus, eine Nähe zum Umgangssprachlichen, wie es mithin schon die Gedichttitel signalisieren, und dennoch lebt sie von einer inneren Spannung, Weiträumigkeit. Daraus entsteht eine erzählerische Poesie, die manchmal balladesk oder auch Gesang …

Anne Dorn: Wetterleuchten. Poetenladen, Leipzig 2011. Band 1 der Reihe Neue Lyrik, die im Auftrag der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen herausgegeben wird.

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