Das Gros der Arbeiten ist in einer Zeit entstanden, in der eine andere Erosion durch das Land ging, eine Erosion, deren Fortschreiten beinahe täglich wahrnehmbar war und als solche auch in Arbeiten wie „Ein Krankenporträt“ oder „Zwischen Greenpeace und Offiziersskat“ Eingang gefunden hat. Die Erosion der überkommenen gesellschaftlichen Verhältnisse, die er in der von Abriß und Stillegung geprägten Industrielandschaft südlich von Leipzig miterleben mußte. Und Pohlmann kann in einem weiteren Sinne auch als Chronist dieser Veränderungen, Wandlungen betrachtet werden, als Chronist, der die Entwicklungen des eigenen Ich in diese Beobachtungen mit einbezieht. Ihn interessieren Erosionen aber auch im ursprünglichen Sinne – über Jahre hat er z.B. in regelmäßigen Abständen den Tagebauaufschluß bei Cospuden aufgesucht, der als Bergbaufolgelandschaft nun von Gewässern dominiert wird, und solche Um- und Überformungen sind es, die ihn faszinieren, die gleichsam den poetischen Raum, den Hintergrund seiner Sprache bilden. Spielerisch vermag er diese Räume auszuweiten, nicht nur thematisch („Aus einem Louvre an inneren Bildern“), sondern indem er sich einer reichen Formensprache bedient. Die im Band zu findenden essayistischen Arbeiten können zudem auch als poetologische Ansätze („Kastanienlaub als sommerliche Lampe“) gelten.

Pohlmann, der Anfang der 90er Jahre beim unabhängigen kanal x eine Ausbildung zum Cutter durchlaufen und als solcher über ein Jahr für eine Medienfirma im Harz gearbeitet hat, greift in einigen Texten bewußt auf Mittel filmischen Erzählens zurück („Konvexion mit Brieftauben und Raben“/ „Rendevous mit Tätigkeitswörtern“). Er führt uns ein in die Gelasse unterhalb des Leipziger Hauptbahnhofs, die gleich einer Nekropole neben bzw. unter der Metropole, riesige Lagerhallen, die quasi den Bedingungsrahmen wie auch die Kehrseite unserer oberirdischen Existenz vorstellen („Nachtvorstellung. Nach Bertolucci“). Dieser Text ist als einer der Schlüsseltexte Pohlmanns für das (Selbst-)Verständnis der eigenen poetischen Sprache zu betrachten. In filmischen Sequenzen sind die verschiedenen Zeiträume, die das poetische Ich durchlaufen hat, wahrnehmbar, und zugleich mischt sich diese Prosa in den permanenten gesellschaftlichen Diskurs über die Wertigkeit eines in der untergegangenen Republik stattgehabten Lebens, das Gewicht der dort gesammelten Erfahrungen ein. Die Frage, ob es wirklich nur ein Nicht-Leben gewesen, gelebt von einem Nicht-Ich … Im Gedicht „Die neuen Sündenböcke“ können wir darüber hinaus ein faszinierendes Spiel mit den Ereignissen um den Mauerfall mitverfolgen, und es stellt indirekt auch die seitens einer bundesdeutschen Elite beobachtbare Usurpation der Deutungshoheit über die Geschichte und Vorgeschichte der Wende und die mentale Verfaßtheit der Ostdeutschen unter den Bedingungen des Unrechtsregimes in Frage.

Tom Pohlmann, der sich nach der Relegierung vom Pädagogikstudium 1987 jahrelang als Hilfsarbeiter und mit diversen Jobs hatte durchschlagen müssen, auch unter bundesrepublikanischen Verhältnissen, hat sich selbst nie als Arbeiter sehen noch in diese Rolle integriert erfahren können. Im Gegensatz zu Wolfgang Hilbig, der von der Unvereinbarkeit von proletarischer Existenz und dem Beruf des Schriftstellers gesprochen hatte, der Unmöglichkeit, ein Arbeiterschriftsteller zu sein, weil sich das für ihn ausschließe, spricht Pohlmann „von der Unmöglichkeit, eine proletarische Existenz zu begründen“. Und doch profitieren viele seiner Texte von den Erfahrungen in der Arbeitswelt, die ihn geprägt haben.

Das Buch ist 2008 im Plöttner Verlag Leipzig erschienen.

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