Persönliches Resümée nach den Diskursen in den Jahren deutsch-deutscher Jubiläen

Aus der Opferrolle heraustreten, der Rolle, sich als Opfer dieser oder jener Verhältnisse zu betrachten, was nicht ausschließt, unter den Gegebenheiten zu leiden. In unzähligen kleinen Schritten habe ich diese Verhältnisse mit reproduziert, in der DDR wie heutzutage, günstigstenfalls unwillig oder unbewußt, mittels jener Schritte, die nötig waren, um überhaupt in diesen Verhältnissen zu existieren, unterm Druckverband.

Das Ding, das ich vorstellte, hat etliche Regeln anerkennen, in Kauf nehmen oder befolgen müssen, um der staatsbürgerlichen Rechte habhaft zu werden, die es trotz aller diktatorischen Züge auch gab, unterm Druckverband. Zuvörderst das Recht, sich zu legitimieren, eine Existenz zu begründen, hier, unterm Schutzverband, wo es den Schnabel nicht halten mochte. Das Ding ist groß geworden, hat Anträge gestellt, Eingaben geschrieben, um der Rahmenbedingungen der eigenen staatsbürgerlichen Existenz willen, die Behörden hat es anerkennen müssen, die Gremien und Funktionsträger, als Adressaten der Erklärungen und Forderungskataloge …

Manchmal hatte das Ding Glück und die eine oder andere Instanz ging darauf ein, weil die Forderung rechtens war und sogar in der Verfassung verankert, und für die Gesetze erlassen worden waren, einsehbar in der Gesetzesblattsammlung. Und manchmal bekam es im Ringen um die Konstitution der eigenen bürgerlichen Existenz auch Unterstützung von der einen oder anderen Amtsperson oder Instanz, die das gesetzlich Verankerte für wahr erachtete …

Irgendwann mit neunzehn oder zwanzig Jahren sollte dem Ding ein Licht aufgehen und die Widersprüche zwischen Staatsdoktrin und Lebenswirklichkeit in dieser deutschen demokratischen Republik schlaglichtartig erhellen: alles erschien bizarr in diesem Licht, plötzlich schien nichts mehr zu stimmen, zusammenzupassen, doch die staatsbürgerliche Existenz, die das Ganze irritiert und zwiespältig wahrnahm, sollte im Lande bleiben, was anfangs noch keine bewußte Entscheidung.

Ich nutzte die Möglichkeiten, die hier gegeben waren, um Klarheit zu erlangen, über mich und über die Wirklichkeit, die mich umgab. Verbündete mich mit Anderen, tauschte mich aus, in privaten wie öffentlichen Zirkeln und Räumen, machte Pläne fürs Hierbleiben und gegen das Schweigen, Verstummen, ein Vogel, der „nicht hören wollte“ d.h. nicht gehorchen. Es gab Rügen, Raumverweise, Strafen – das alles erduldete diese Existenz und hatte auch ein wenig Glück dabei, konnte weitermachen … Und immer gab es irgendwo eine Hand, die aufhalf und wieder zurück ins öffentliche Leben, eine Hand, die manchmal gut bestallt und mit etwas Einfluß ausgestattet war und nicht so verlogen, zu ignorieren, was im Lande „Sache“ war …

Das Nichts, das ich vorstellte, hatte gelernt, Opfer zu bringen, ohne zum Opfer zu fallen – dem Staat, den Verhältnissen, dieser Zeit, die in den 70er und 80er Jahren nicht mehr die stalinistischer Lager war.

Mir wurde schwindlig nach 1990, und wird es auch heute, wenn ich die Eliten der sogenannten „bürgerlichen Mitte“ in Bezug auf DDR-Geschichte von „Opferschutz“ sprechen höre, von einem Schutz, der den Opfern dieses Unrechtsregimes gebühre. So notwendig er auch sein mag, so wohnt ihm doch ein gefährliches Moment inne: das Moment der Entmündigung, der Enteignung der eigenen Geschichte – Andere bestimmen jetzt über die eigene Geschichte und erlangen Deutungshoheit im Diskurs, während man selbst nicht mehr das Subjekt dieser Geschichte ist, nurmehr das Objekt, das Opfer. Immer wieder muß ich an Fanons grandioses Essay „Das kolonisierte Ding wird Mensch“ denken, ich habe es in den 80er Jahren gelesen, kurz nachdem es im Leipziger Reclam Verlag erschienen war. Die Algeriennes hatten sich im Befreiungskrieg vom Opferstatus emanzipiert und zu Subjekten ihrer Geschichte gemacht, sie sind aus der Opferrolle herausgetreten, wie auch Viele hierzulande in der kurzen Spanne des Herbstes 1989 …

Doch seitdem beobachte ich eine gegenläufige Bewegung, ein Großteil der an den 89er Ereignissen Beteiligten hat sich von ihrem Subjektstatus wieder absentiert. Tragisch ist dies insbesondere in Bezug auf jene, die einmal zu den Protagonisten der DDR-Bürgerrechtsbewegung gehörten – etliche von ihnen haben sich im Nachhinein mit einer Opferrolle abspeisen lassen, und sie bilden heute lediglich ein illustratives Beiwerk zum laufenden Diskurs über DDR, Friedliche Revolution, Mauerfall und Deutsche Einheit.

In einem Gedicht aus dem Jahre 1988 schrieb ich:

in die herde getrieben war ich einer der ihren, von den hütern auserwählt, einer der ihren mit meinen angstgesichten, schaum vor dem mund, der in blasen explodierte; der herren opfertier schlug um sich, nur ohnmacht galt es zu erringen mit spielen, die in die leere des tages griffen …

Jayne-Ann Igel

Zuerst erschienen in der Zeitschrift SIGNUM, H. 2/2010

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