Wenn elke anruft, was gelegentlich geschieht, ist mir, als gälte dieser anruf einem anderen, meinem verwahrlosten ich, während ich auf den bildschirm des computers starre, auf die seite, die ich kurz zuvor angeclickt; als gälte der anruf dem ich, das in der vergangenheit all die texte verfertigt, die mir zugeschrieben werden, und das nun einem verlottern anheimgefallen, nur ab und an noch berührt von anklängen –

An einem der abende erzählt sie mir, daß sie jeden morgen gedichte läse, dies zu ihrem tagesbeginn dazugehöre, und das veruntreute ich erinnert sich zeiten, da es bei ihm ähnlich gewesen, es die alltägliche lektüre poetischer texte als lebensnotwendig empfunden hatte, und dies nun erst einmal vorbei ist, wiewohl noch alles dazu nötige vorhanden …

und wir kommen dann über die bezeichnung tussi auf thusnelda und die hermannsschlacht von kleist zu sprechen, und über die gitter, gegen die ich, so elke, immer wieder angeschrieben, aufs gefängnis, innerhalb dessen mauern grabbe einen teil seiner detmolder  kindheit und jugend verbracht – in grabbes biographie ist zu lesen, daß sein vater zuchtmeister gewesen, das zuchthaus vor ort wurde im 18. jahrhundert errichtet …

Zuchtmeister, gestrenger erzieher, wie mein vater, später, nur daß wir in einem hause gegenüber der haftanstalt wohnten, am stadtrand von l., von dessen fenstern aus jedoch ein wesentlicher teil des gefängnishofes eingesehen werden konnte …; im gespräch auch die erinnerung an thomas valentins erzählung „grabbes letzter sommer“, die mich anfang der 80er jahre nachhaltig beeindruckt – die gitter seines gefängnisses endgültig niederzuwerfen hat grabbe wohl zeitlebens nicht vermocht, von der trunksucht ausgezehrt, nicht erfüllter liebe, und allzulang mit einem stück über die hermannsschlacht befaßt, einer wucherung im vergleich zu kleists text …

Aber das flüchtige ich vermag kaum zu verweilen, kennt nur mehr das flügelschlagen, und bleibt dann doch hängen an einem text, der in elke erbs gedichtband vexierbild von 1983 zu finden ist: „mit eins“, in dem von vorahnungen die rede, vorahnungen, die sich selbst über dinge mitzuteilen wissen, oder ist es einfach das atmen der dinge –

„Da kommt was. – Wahrhaftig, kommt was!“ sagte eine Latte zur anderen des rund unsere Sommervilla umschließenden Zauns. (Die Latte meinte, etwas käme die Allee herauf.) „Struzzi kommt da“, dachten die Fenster still hinter den Stirnen (verschrumpelter Jalousie). Es wurden ebenso still drinnen die Frühstücksbrötchen, happ!, verzehrt. Wahrhaftig, mit eins flog auf die sinnende Tür, schwuppdich durchs Ventil, die Diele, herein mit ihrem ständigen Sturzbach der Ohs und Jehs und Neuigkeiten und der Artigkeiten trat soeben die geborene Altwienerin. „Struzzi, Mädel!“ rief man vom Frühstückstisch auch aus ihr zu.

Das ich blättert weiter im buch, das eines meisterhafter miniaturen ist, entdeckt auf einigen der blaßblauen seiten handschriftliche notizen, die wohl aus der zeit stammen, da dieser band erschienen …

P.S. mein verleger schrieb mir, dies sei eine traurige geschichte – ich finde sie schön …

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