Archive für den Monat: Juni, 2012

baumelnd am galgen der jahrzehntziffer sieben, was trieb ich da – blätterte gestern auf der suche nach einer hommage an bruno schulz, die ich ende der 70er verfaßt, in der kladde, las einige der anderen texte, von denen ich damals was gehalten, zumindest soviel, daß ich sie gelegentlich von einer kollegin in ihrem volkseigenen betrieb abkopieren ließ …

electrifikation nennt sich einer, er handelt, wie eine vielzahl anderer gedichte auch, vom abstieg in eine welt, vor der mir eigentlich grauste, ekelte, vor räumen, unter deren niedriger decke rohrleitungen verlaufen, armdick, bloß oder mit einer isolationsschicht versehen, die an manchen stellen schütter; vor kanalisationen und unterführungen, die verschmutzt von papier, essensabfällen, auswurf – in solchen räumen vornehmlich siedelte ich diese texte an, in räumen, die ich nach möglichkeit zu meiden trachtete, und war ganz in deren erörterung befangen.

Die texte oft in einem dialogischen gestus, an ein fiktives, ganz und gar verborgenes ich gerichtet, appellativ, und im schreiben vielleicht schon das gefühl, dem gegenstand kaum nähergerückt zu sein, sich einer optik zu bedienen, die nichts taugt – nein, nichts von diesem haus- und stadtgedärm wirklich ans licht gezerrt, obgleich ich doch wöchentlich einmal beispielsweise diese tunnelartige eisenbahnbrücke nahe der berliner straße unterquerte, wo auch tagsüber das licht brannte, und knapp über kopfhöhe rohrleitungen längs der bürgersteige entlangführten.

Rohrleitungen, die dick ummantelt waren, bis auf die ventile, die für druckausgleich sorgten – von dort war ein zischen zu vernehmen, weshalb es den zeitgenossen immer im eilschritt diese passage hindurchtrieb, so er nicht ohnehin die bahn genommen, nur diese eine haltestelle, hin- wie auch rückwärts – das zischen und ticken in den rohren machte ihn nervös, und manchmal nahm er einen längeren umweg zu fuß in kauf, dem zu entkommen … In den texten hingegen feiert das lyrische ich diese unterweltlichen szenerien, expressiv, ekstatisch, zwingt es sich hinab ins unvermeidliche – daß es unvermeidlich, letztendlich, dessen war der zeitgenosse sich sicher, nur wußte er nicht darum …

zu wenig niederschlag über nacht, laut wettervorhersage hätte es mehr sein müssen; die vorhersage – das nachtragen funktioniert besser, das hinterhersagen, die legendenbildung. Indes die vorhersage, gleich einer rotte hunde, die weit voraus, die einen besitzer hat und voranstürmt, blind der eingeschlagenen richtung vertrauend, dann ins stocken gerät, zögert: wo bleibt er nur … und die nasen wenden sich um, wenden sich jenem zu, der nichts weiter als ein schwach züngelndes flämmchen auf dem weg, eins mit aschgrauer kappe, das die leine hat laufen lassen – den starrt man nun an: nichts mit der vorhersage, das flämmchen ist versackt, weil es mittlerweile anderes im kopf hat als diese rotte, die ihm voraus und vorm dickicht des unvorhersagbaren zurückgeschreckt, jetzt völlig der rückschau ergeben, als spannte die leine …

jener rennfahrer heute morgen, vor mir auf dem rad, auch nur einer der zeitsoldaten, die unversehens sich auflösen …

Die katze schleift ihren schatten nach. Morgens, wenn sie das haus verläßt, auf dem wege richtung gartentür, sehe ich ihn, schwer und in die länge gezogen, bis sie endlich die pforte erreicht, eine verdunkelung auf dem gestein, auf dem sich nach gewisser zeit moose anzusiedeln beginnen, eine schicht nur, kaum erhaben, gleich eines films – und erst nachdem die katze zwischen den stäben der pforte hindurch auf die straße gesprungen, hebt er sich auf: plötzlich ein fliehen, so daß er bald nicht mehr auszumachen. Morgen für morgen folge ich dieser schattenspur …

Fünf uhr morgens ein flugzeug – der klang ließ an ein gewitter denken, das man in der ferne grummeln hört, und der höhenzug des pfälzer waldes sorgte für den nötigen widerhall. Nachmittags, als ich draußen unterm gläsernen vordach kaffee trank, währten die anhöhen in einem milchigen dunst, obgleich sie so nah, und dieser dunst schien für das gleißen des lichts verantwortlich, für dieses überquellen, das ich genoß und das mich doch bald veranlaßte, ins haus zu gehen …

Man konnte die überschalljäger vergessen, die eben noch den sturzflug geübt, man konnte all das für augenblicke vergessen, denn nun herrschte stille, bis auf das summen einer hummel und den heiseren ton zweier fliegen, die zu nervös, die atmosphäre zu erfassen. Jenseits des zauns strich eine frau mit ihrem hund vorüber, lautlos, anklingend nur die frage, was da zu finden, auf der grasnarbe, den resten von schnee rund um die knorpeligen weinstöcke, in deren schatten, die bald vergehen würden, in diesem dunst …

Sobald ich vom garten in den hof wechselte, war auch die kälte des raums zu spüren – raumfahrer, weltraum, eigenartige worte, das all, das letztlich ein widerhall unserer vorstellungen … Und später der gedanke an das alltägliche, banale, detonationen des wortes all, die durchs gedächtnis flirren und im nächsten augenblick wieder abgesunken sind – es scheint kein zufall, daß jeder text gleichsam aus dem nichts entsteht, der leere …

die betonzeile an der m.-straße vor augen, von sonnenlicht erhellt, und in den nestern oben hocken die alten, weißhäuptig, halb verborgen hinter spalieren von geranien …

etwas zu versäumen, als umhegte man einen zeitraum mit einem saum, das weite feld der saumseligkeiten, und dieser saum scheint unüberwindlich – man hat es versäumt, pflichten nachzukommen, sich eingesponnen im raum der pflichtvergessenheit, oder hat sich am rande bewegt, am rande dieses versäumnisses, als handelte es sich um eine brache, die zu betreten man zögert, gesäumt von hecken, wiesenrain oder graben, in dem eine widerborstige sorte gras aufzüngelt; man widmet sich der verstetigung des saums mittels kett- oder kreuzstich und achtet darauf, daß er nicht aufdröselt, ausfranst und auszuufern beginnt – das ist der punkt, wo jegliches versäumnis sich zum verhängnis auszuweiten droht und man den blick voll schauder abwendet, wo es nicht mehr hilft, sich im zaum der saumseligkeiten zu halten …