Diese Wanderungen durch O’berlin, über das Gewirr von Kanälen, wann hatte das eigentlich angefangen, den imaginären Stadtplan in der Tasche, das Straßenverzeichnis dieses zerspellten Konglomerats von Ortskernen, vor den Augen die Kaskade der Fassaden, die man auf dem S-Bahnstreckenabschnitt zwischen Plänterwald und Treptower Park zu sehen bekam, ansonsten weiße Flecken (zuviel Zeit verplempert dazwischen, in der S-Bahn, im Hinauskatapultieren der Blicke im rechten Augenblick, und bestrebt, daß keine o’berliner Lederjoppe, braun, die Aussicht versperrte, zur Linken natürlich, stadtein, und, wie ich mich zu erinnern vermag, immer stehend passiert diesen Abschnitt, als ob keine andere Haltung möglich gewesen, angesichts dieses fluoreszierenden Weiß jenseits der Grenze, das dem auf der Stadtkarte nicht gleichkam, und vorgelagert im Diesseits die Kohorte der Schrebergärten, beigefarben, flirrend der Grund der Verbindungswege, und ausgelaugt, von zuviel Licht oder Wasser, zuviel Augenlicht möglicherweise … Ich hätte aussteigen, die Sparte aufsuchen können, habe es aber nie getan, immer nur hingeschaut oder darauf, auf die Wege, die Kaskade der Fassaden zuerst, dann den Blick gesenkt, auf die Anlage, das Grünzeug in den Gärten, das im einzelnen nicht zu erkennen, die Holzmasten der Laternen im Revier …

Blicke, die nicht haften mochten im Erdbeton, dem Wegfluß von Zeit und Geschichte, ausgewaschen von einem letzten Regenguß, versäubert die Ränder auf den Knien, vom Unkraut befreit, keuchend das Messer an dessen Kehle gesetzt, eines, dessen Klinge schon schartig, abgewetzt, die scharfe Kante gekrümmt gleich einer Sichel, einer winzigen – solch ein Küchenmesser hatte es beinahe in jedem Schrank, auch dem heimischen … Ich bin nie in dieser Anlage gewesen, selbst traumhalber nicht, obwohl die besondere Atmosphäre auch in der S-Bahn zu spüren war, dieser atmosphärische Druck, der dem Wesen eigen, den Anwesen von O’berlin, er allenthalben zu spüren und vielleicht die Ursache einer gewissen Nervosität vor Ort war, die ich wahrzunehmen meinte, insbesondere unter den Uniformierten, deren vordergründige Aufgabe das Stellen der einen Frage: was suchen Sie hier?

Und hatte ein Jahr zuvor in O’berlin den Kalten Frieden serviert bekommen, als ich mit einer Freundin auf dem Freisitz des Eiscafé eingangs der Karl-Marx-Allee gesessen, nahe des Kinos Cosmos, an einem Tag, der der Vortag des 13. August gewesen: lautloser Zug von Schimären, im Begriff, die Stadt einzunehmen, gepanzerte Fahrzeuge, die Rohre auf den Lafetten dicht an unseren Ohren vorbei, ab und an das Gestikulieren eines Regulierungspostens, während wir Kaffee tranken, die Stalinfrankfurtermarxallee schon abgesperrt, vereinzelt Soldaten, die Kellnerin mit der schwarzen Gürteltasche: ich möchte bitte abkassieren, was wir erst beim dritten Mal vernommen, die einzigen, die noch draußen gesessen, fünfzehn Uhr nachmittags, im Jahre Zwanzig … Am Morgen waren wir im Alten Museum gewesen, hatten Radziwills Gemälde Wohin in dieser Welt bestaunt: das Firmament aufgerissen, der steinern erscheinende Himmel, und darin sichtbar der Einbruch einer anderen, einer kosmischen Wirklichkeit in jene, die uns von Anfang an vertraut, eine Wirklichkeit, die mir Angst machte, die Gestirne lagen bloß …

[aus Berliner Tatsachen, 2009 bei Urs Engeler Editor]

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