Die Lesungen zum diesjährigen Dresdner Lyrikpreis boten Überraschungen – so etwa die Gedichte des in Děčín lebenden tschechischen Autors Radek Fridrich, die mich an Epitaphe erinnern. Tatsächlich ist der Autor öfters über Böhmens Friedhöfe gestreift, und die auf den Grabmälern verzeichneten Namen und Daten der Toten, aber auch alte Photographien bildeten den Ausgangspunkt für seine poetischen Erkundungen. Fridrich verleiht ihnen eine eigene Stimme, manche der Lebensgeschichten reichen bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts und eine Kulturlandschaft zurück, die durch tschechische, deutsche und jüdische Einflüsse geprägt ist. So entfaltet sich eine Art biographischer Landkarte dieser Region, und es sind vor allem die sogen. kleinen Leute, die der Autor zu Wort kommen läßt … Der zweisprachige Band Nebožky/ Selige (tschechisch und deutsch), in dem die Früchte dieser Erkundungen zu finden sind, ist 2011 bei perplex in Brno erschienen.
Ein Beispiel:

Die Windmüllerin

Mein Sohn war ein Wildfang,
von Kind an eigensinnig.

Im Dorf hatte er keine Freunde,
wir wohnten am Friedhof.

Er sang oft mit dem Wind in der Mühle.
Krähte mit den Raben,
wenn sie durch die Landschaft zogen.

Einmal breitete er die Arme wie Flügel aus
von da an sah ihn niemand jemals wieder.
(Transl. Jana Krötzsch)

Advertisements