gelegentlich der buchpremiere gestern kamen wir auf den einfall zu sprechen, der für mich nicht lediglich ein synonym für die idee, sondern etwas eigenes darstellt – ich vermag diesen begriff nur wörtlich zu nehmen: es ist etwas eingefallen in mich, ein wort, eine zeile, ein sinneseindruck, geschehen, realität … aus deren kosmos, und danach beginnt die erkundung der zusammenhänge, bezüge, hintergründe, oder sie bilden sich, im erkunden, erfühlen des wortes, das manchmal auch eine findung ist …

eine andere frage war die nach dem politischen in meinen literarischen texten, ob und wie die zeitverhältnisse oder auch geschichtliches sich darin spiegeln – vor ca. acht jahren habe ich für mich das feld der publizistik entdeckt und seither etliche blogbeiträge zu verschiedenen themen verfaßt. Aber auch in literarischen arbeiten haben sie sich ab und an niedergeschlagen, so etwa in jenem beitrag zu den „deutsch-deutschen gedenkkulturen“, der hier gelesen werden kann, oder 2004 im „nachsatz eines zeitgenossen“, der den abschluß der erzählung „unerlaubte entfernung“ bildet. Dieser text ist auch der tatsache geschuldet, daß anfang der 90er jahre eine ganze generation, die der damals fünfzig- bis sechzigjährigen, im zuge der wiedervereinigung und neujustierung der „freien marktwirtschaft“ eben letzterer geopfert worden ist: ihre erfahrungen, kenntnisse, fähigkeiten zählten plötzlich nicht mehr, ihre empathie …

an dieser stelle sei er noch einmal publiziert:

Letzter Akt. Nachsatz eines Zeitgenossen aus der Provinz

Hör ich jemand zukunft sagen, morgen,
gedenk ich der ausgestopften tiere im museum,
des schweigens der wächter, ladenhüter,
die mit sprechfunk die säle kontrollieren…

Vielleicht ist er einer von denen, die nicht sterben können, weil sie nicht gelernt haben zu leben – er war immer mit dem gefühl aufgewacht, man hätte ihn zurückgeholt, zurückgeholt aus irgendeinem anderen leben, aus einem alptraum oder dem tod – unerkannt; immer wieder das gefühl, er würde zurückgeholt … Die baracke, in der er sich verborgen gehalten damals, auf der flucht, eine nacht lang, der republik-, der fahnenflucht in einer nacht, die kein ende zu nehmen schien; durch das preßglas der baracke hatte er nur schemen wahrgenommen, auf dem vorplatz, den schatten einer wache, die sich nicht von der stelle rührte, einer wache für dieses stillgelegte lager, dessen umzäunung er mit einem satz genommen – Was für eine flucht, nur um wieder in einem lager zu landen, hier, im stammland der lager, in dem fast jeder irgendeine erfahrung mit einem der lager, die das leben, die ordnung vorhielt, verbinden kann. Im kernland der arbeitslager, außenlager, sammellager, der zv-, pionier- und ernteeinsatzlager … Im kernland der lagermentalität – Generationen in diesem land, die das wort lager nicht mehr hören können. Er hatte immerzu zur tür starren, lauschen, den atem anhalten müssen – am morgen war die wache abgezogen, wenn sie nicht nur eine einbildung gewesen … Später am tage hatte er sich aus dem staub gemacht, dem november-, dem oktoberstaub in der baracke, den nach ihm niemand mehr aufgerührt … Aber vielleicht war er auch geblieben, eine weitere nacht lang, weil es keinen ausweg gab, seine angst keinen ausweg zuließ …? Diese angst, die schon immer übermächtig gewesen (hier, in diesem land, in dem wir das lügen verlernt!), die kindliche angst vor der lücke im zaun, in der sein fuß stecken bliebe, während die, die ihm vorangesprungen, schon in den gärten jenseits der lücke wilderten… Diese angst vor jeder übertretung, grenzüberschreitung, und die fluchten, die daraus folgerten und gescheitert waren, im vorhinein gescheitert an dieser lücke, in der sich sein fuß verklemmte, der schuh … Mag sein, daß er ihnen wieder zugelaufen war, wie ein schaf, ein kalb, tage später … (sag‘ mal, kommst du vom mond?). Oder sie ihn aufgegriffen haben, auf einem der bahnhöfe im lausitzer becken, zu vorgerückter stunde, weil er die orientierung entgültig verloren, sie vielleicht nie besessen hatte …

Die, die ihn zum friedensdienst angestiftet, uns ihre wahrheitsliebe eingebläut, uns mundtot gemacht hatten mit ihren losungen, ihrer übereinstimmungssucht, ihrem frieden, der doch nur ein nachkrieg gewesen, der unsere laute erstickte, sind verschwunden jetzt, vergessen, in ihren kellern abgetaucht, in ihren gedächtnisstätten, ausgestattet mit dem mobiliar einer ära, in der die zukunft noch gewiß gewesen … In ihren gärten. Man hat sie in die heime eingewiesen, in den vorruhestand versetzt, eine ganze generation: abgetrieben, in den abgrund, auf legalem wege … Eine generation, die plötzlich verzichtbar geworden, und niemand, der sie vermißte. Man verzichtet auf die, die sich als unverzichtbar erachtet … Ich glaube, wir selbst sind verzichtbar geworden, wir, die wir ihnen im grunde noch allzu gleich gewesen, in unserer unerträglichen friedfertigkeit, ihnen allzu gleich geworden sind, überflüssig… Und jene, die auf der straße zu sehen sind, auf der bank neben der kaufhalle, umgeben von schütterem gestrüpp, oder prospekte austragend, die druckerzeugnisse der springerpresse – alter sozialistischer kader, wie sein vater einer war, angegraut vom grauen eines verworfenen lebens: trinker jetzt, wie wir … (man muß doch schließlich von irgendetwas leben, hier! In der gerechtigkeitslücke). Die uns erzogen haben, die mit ihrem blinden fleck in ihren biographien, schwärenden schwarzen löchern, die uns aufsaugen, aussaugen, all die elternteile: zerstreut, zerstoben … Sie haben uns für versager gehalten, weil sie selbst für versager gehalten worden sind, einst – nur: das ahnten wir damals noch nicht… Auch für sie war schon alles zu spät gewesen, der krieg, der frieden, das sozialistische abenteuer, die ganze geschichte, mit neunzehn, zwanzig jahren – vorbei … Sie haben es nicht glauben können; ihren unglauben haben sie uns eingebläut, ohne es zu wissen, ein für allemal. Sie, die heute gleich ertrinkenden die arme nach oben recken, auf ihren kaffeefahrten, in den raststätten: hier fehlt noch der kaffee, der kuchen …! Mittschiffs, heckwärts, dichtgedrängt. Man hat sie schon immer übersehen …

Ich hatte nie ein verlierer sein wollen – was heißt es schon: seine unschuld zu verlieren, die unschuld, als ob man sie je besessen, als schüler beim morgenappell in der zweiten oder dritten reihe: ich war nie gut genug, in der ersten zu stehen …, nicht gut genug oder zu unauffällig: laß die anderen im visier der oberen harren! Vielleicht ist sie die größtmöglichste schuld, die ein mensch sich aufzuladen vermag: die unschuld, ein unmaß, ein unwägbares, übermächtiges an schuld: das leben nie gelernt zu haben, immer kirre und zag (bleimse friedlich, mann! Hacken zusamm‘!). Es brauchte zeit, zu erkennen, daß auch ich nur einer jener untoten bin, die umgehen …, einer jener untoten im revier, deren gedanken um leblose gegenstände kreisen, deren körper schon verrottet sind … Die welt wird beherrscht von den untoten, die den lauf der geschichte bestimmen, ihr scheitern, und nichts anderes als die wiedergänger ihrer eigenen verschrobenen vorstellungen sind …
Es gibt nur noch flüchtlinge in diesem land, wir haben es nur nicht wahrhaben wollen – gibt es denn ein ziel, hier, das sich für irgendjemand lohnte? Und der weggang ins andere land – was früher die ausreise war, ist heute der tod – ? … Am schienenstrang vorzugsweise … In diesem stammland der lager, der lagerbildungen, der ausflüchte – Sind sie nicht alle irgendwann zurückgekommen, wieder angeschwemmt, all die, die nicht sterben können, weil sie nie gelernt haben, zu leben …

(Dieser Text erschien erstmalig 2004)

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