Archive für den Monat: Juni, 2013

der rauchende schlot im fenster vom obergeschoß, frau k., mittlerer aufgang, oberhaus, die es mit dem feuer hatte, sich an unserem küchenherd die rockschöße versengte, erhitzt von ihren reden über die zeit –

der rauchende schlot aus dem oberstock: raamoona! steckte ihren kopf aus dem küchenfenster, während frau h. aus dem erdgeschoß tagsüber nicht zu sehen, verkaufsstellenleiterin bei der HO; ramona aber mochte ich nicht, weil über sie ein schlager im radio zu hören war – das verdiente die nicht, die nicht!

träumte am morgen, ich solle geschlachtet werden, und als ich fragte: warum nehmen sie nicht einen ochsen? sagte man mir, das mache zuviel aufsehen und gebrüll –

Vor Kurzem ist Ihr Band Umtriebe erschienen, mit Prosaminiaturen – warum dieser Titel?

Das werde ich ab und an gefragt, denn als „Umtriebe“ werden heutzutage zumeist Aktivitäten aus dem rechten Lager bezeichnet, man spricht von rechtsextremen oder neonazistischen, oder reaktionären Umtrieben. Das war nicht immer so, noch im 19. Jahrhundert war der Kontext dieses Begriffs ein ganz anderer, da hieß es: revolutionäre Umtriebe, oder gar demokratische – ganz in der Tradition der Revolutionsbemühungen in den dreißiger und vierziger Jahren, d.h. der 48er. Und dieser Tradition fühle ich mich nahe, ich möchte, daß der Begriff auch eine positive Konnotierung erfährt, d.h. von daher habe ich keine Scheu, ihn zu verwenden. Und hier bezieht er sich ja auch auf das, was das „lyrische Ich“ so umtreibt, im Alltag …

Darauf zielt auch meine nächste Frage: Was unterscheidet die Umtriebe von den Texten der Traumwache eigentlich?

Die Traumwache-Texte kleben noch sehr am Traum, das war ja auch die Absicht: Traumaufzeichnungen zu literarisieren und sie für Dritte so lesbar zu machen, in dieser Weise sind mehr oder weniger kurze Prosatexte entstanden, z.T. sehr dicht, intensiv. Ich wollte mich von dieser Protokollsprache verabschieden, die Traumaufzeichnungen oft aufweisen. Es gibt ja etliche Dichterinnen und Dichter, mal von den Surrealisten abgesehen, die sich damit versucht haben, mit mehr oder weniger Glück, ich denke da an die berückende Intensität der Aufzeichnungen von Elsa Morante, es sind kleine Geschichten, oder Friedrich Huch und Wolfgang Bächler, die mehr im Protokollarischem verbleiben, auch Kerouac z.B., sehr ekstatisch, seine Träume lesen sich wie die Fortsetzung von On the Road, während Franz Fühmann und Heiner Müller eine diszipliniert erzählerische Prosa daraus gewonnen haben. Bei mir sind es eher atmosphärisch angelegte Stilleben, die schon Berührungspunkte mit den Umtriebetexten aufweisen. Nur daß bei letzteren, wenn sie von Träumen inspiriert sind, diese nur noch als Auslöser fungieren, von denen sich die Texte deutlich absentieren. Und in Umtriebe spielt auch das Reagieren auf Gegenwärtiges eine größere Rolle, es sind nicht nur Vergangenheitsräume reflektierende Texte.

Traumwache wie Umtriebe verzichten ja auf eine Genrebezeichnung, wieso das?

Hier war ich mit dem Verleger jeweils einig, darauf zu verzichten, auf ein Schubfach, das dann einer bestimmten Lesart Vorschub leistet, auch Vorurteilen, und in der Folge brauchte man nur zu sehen, was passiert: mal wurde die Traumwache in Rezensionen der Lyrik, mal der Prosa zugeschlagen, wobei ich lieber von einer lyrischen oder poetisch dichten Prosa sprechen würde. In den Umtrieben eignet etlichen Texten Gedichtcharakter, anderen ein eher feuilletonistischer Anhauch, was wiederum damit zu tun hat, daß ich die Umtriebe-Texte z.T. originär für Blogs geschrieben habe, und automatisch fand sich da so ein dialogischer oder unterhaltender Ton – das Internet ist ja darauf angelegt, auf den Dialog.

Sie bezeichnen Ihre Texte aber schon auch als Miniaturen, und das ist doch eine Gattung, die kaum noch jemand interessiert, oder wie sehen Sie das?

Ja, meine Arbeitsbezeichnung lautet Miniaturen, ein wenig Sicherheit braucht man ja gelegentlich auch, d.h. einen Begriff dafür, was ich mache. Diese Gattung bewegt sich schon ein wenig im Schatten der Lyrik, die gerade jetzt große Aufmerksamkeit genießt, z.T. auch im Feuilleton, und das hat wohl eben auch mit dieser Schubfachmentalität zu tun. Aber ich denke, der gegenwärtige Aufwind der Lyrik ist auch eine Chance für die Miniaturen, in ihrer poetischen Dichte, mit ihrem spielerischen Charakter …

[Fortsetzung folgt]

die redaktionssitzung gestern im café viel zu lang, darüber sollte an den nachbartischen etliche male die besetzung wechseln, darunter eine, die ziemlich lautstark, irgend etwas feiernd, einen abschluß wohl, bachelor magister diplom … – auf die schnelle aber, keine stunde, dann brachen sie auf, vielleicht zur eigentlichen feier, einer von ihnen ausgestattet mit anzug, krawatte, was in diesem café eher die ausnahme, und alle um die dreißig, könnte passen … Überhaupt jetzt öfters der gedanke an den eigenen freifahrtsschein, den ich nach vieljährigem schulgang glaubte erworben zu haben, mai juni 72, alles gesang, zudem ich mich nur heiterer witterung zu erinnern vermag, in dieser schwebte der zeitgenosse über der bahn, der vorgezeichneten, sicheren, die nachfolgeanstalt schon klar, doch bis zum eintritt dieses traumland, man konnte sie vergessen, die pflicht hintanstellen, am geistigen horizont, das verschwamm ganz, da lagerten sechzig tage sommer mit entsprechenden hitzegraden dazwischen, die machten alles fernerliegende ohnehin verschwommen, das flimmerte nur so beim fernsehen: der bahnknotenpunkt, die dammkrone, etwelche fabriken, die luft überm asphalt auf der straße zwischen h. und r., die dem zeitgenossen eine piste in der trockensavanne dünkte, die gräser beidseitig bis in brusthöhe hochgeschossen, und wenn man auf dieser straße im abendlicht unterwegs, konnte man das zirpen der grillen hören, erschienen die gräser in einem ockerfarbenen ton …

samstagsabend beobachteten wir also den mond, im garten von m., er schwebte gleich einem star überm freitaler grund, in dessen richtung man blicken kann, von der terrasse aus, während der garten ansonsten abschüssiges gelände, das gros wiese, nur entlang des wegs zum abort, der am unteren ende und von oben gar nicht zu sehen, finden sich blumenbeete und sträucher; es ist ein relativ geräumiger kleingarten, in dem ich mich nicht so gefangen und eingehegt empfinde wie damals im elterlichen, der überschaubar und eben, eingezwängt zwischen identischen handtuchfeldern, auf denen hinten das häuschen plaziert, davor der mittig angelegte weg mit den blumenrabatten, links und rechts davon ein schmaler raum für phantasie: obstbäume, wiese, planschbecken oder sonst noch was, d.h. nicht viel – in der eltern garten links vaters rosenstolz, rechterhand mutters erdbeerplage – auffällig, wieviele männer rosen lieben, ihnen verfallen, sich um ein paar stöcke bekümmern oder gar eine kleine zucht betreiben, männer, die im wahrleben beamte, lehrer oder polizisten (schweigen wir von der legion der dichter und denker, die zeugnis von ihrer rosenliebe abgelegt), und dann kenne ich beispielsweise einen pfarrer in der uckermark, der jüngst einen rosengarten eröffnet hat, bestehend aus gestifteten pflanzen, oder herrn d. von nebenan, der mir erst gestern die geschichte seiner rosen erzählte, die zum teil betörend duften: wo er sie erworben und wann, wie er sie über den harten winter gerettet und welche davon seine frau besonders mochte – doch erklärt das kaum diese männliche affinität zur rose …

morgens wieder an der stelle vorbei, in der heide, wo die birke ihr haupt gebettet – als mir diese zeile einfiel, der gedanke an die bildhaftigkeit alter landschaftlicher ortsbezeichnungen und namen, und daran, daß poesie auch nachklang wie neuerfindung einer sprache, die es nicht auf den begriff bringt d.h. sich in anderer weise der assoziation und abstraktion bedient, in einer, die sich von bildworten und wortbildern her bestimmt  …

ich habe sie gesehen, die todeskandidaten, als ich morgens den moritzburger weg passierte: roter kreis, kreuz, eine zahl – bis zur 78 liessen sie sich zählen …

es steht auf des wassers scheide sinniert das willfährige ich, nicht: des messers schneide, das geschick; wie es gefällig die seite wechselt, über den weg rinnt, von dem einen auf das andere feld, wiewohl ein gefälle nicht wahrnehmbar …

schon als kind diese faszination, wenn starke regen niedergingen – das wasser bildete sich im mund

zwischen den regalreihen bei aldi der satz:

da gibts immer ein wie und ein weiter,
ich schreibe in die luft,
weil ich kein papier habe