Vor Kurzem ist Ihr Band Umtriebe erschienen, mit Prosaminiaturen – warum dieser Titel?

Das werde ich ab und an gefragt, denn als „Umtriebe“ werden heutzutage zumeist Aktivitäten aus dem rechten Lager bezeichnet, man spricht von rechtsextremen oder neonazistischen, oder reaktionären Umtrieben. Das war nicht immer so, noch im 19. Jahrhundert war der Kontext dieses Begriffs ein ganz anderer, da hieß es: revolutionäre Umtriebe, oder gar demokratische – ganz in der Tradition der Revolutionsbemühungen in den dreißiger und vierziger Jahren, d.h. der 48er. Und dieser Tradition fühle ich mich nahe, ich möchte, daß der Begriff auch eine positive Konnotierung erfährt, d.h. von daher habe ich keine Scheu, ihn zu verwenden. Und hier bezieht er sich ja auch auf das, was das „lyrische Ich“ so umtreibt, im Alltag …

Darauf zielt auch meine nächste Frage: Was unterscheidet die Umtriebe von den Texten der Traumwache eigentlich?

Die Traumwache-Texte kleben noch sehr am Traum, das war ja auch die Absicht: Traumaufzeichnungen zu literarisieren und sie für Dritte so lesbar zu machen, in dieser Weise sind mehr oder weniger kurze Prosatexte entstanden, z.T. sehr dicht, intensiv. Ich wollte mich von dieser Protokollsprache verabschieden, die Traumaufzeichnungen oft aufweisen. Es gibt ja etliche Dichterinnen und Dichter, mal von den Surrealisten abgesehen, die sich damit versucht haben, mit mehr oder weniger Glück, ich denke da an die berückende Intensität der Aufzeichnungen von Elsa Morante, es sind kleine Geschichten, oder Friedrich Huch und Wolfgang Bächler, die mehr im Protokollarischem verbleiben, auch Kerouac z.B., sehr ekstatisch, seine Träume lesen sich wie die Fortsetzung von On the Road, während Franz Fühmann und Heiner Müller eine diszipliniert erzählerische Prosa daraus gewonnen haben. Bei mir sind es eher atmosphärisch angelegte Stilleben, die schon Berührungspunkte mit den Umtriebetexten aufweisen. Nur daß bei letzteren, wenn sie von Träumen inspiriert sind, diese nur noch als Auslöser fungieren, von denen sich die Texte deutlich absentieren. Und in Umtriebe spielt auch das Reagieren auf Gegenwärtiges eine größere Rolle, es sind nicht nur Vergangenheitsräume reflektierende Texte.

Traumwache wie Umtriebe verzichten ja auf eine Genrebezeichnung, wieso das?

Hier war ich mit dem Verleger jeweils einig, darauf zu verzichten, auf ein Schubfach, das dann einer bestimmten Lesart Vorschub leistet, auch Vorurteilen, und in der Folge brauchte man nur zu sehen, was passiert: mal wurde die Traumwache in Rezensionen der Lyrik, mal der Prosa zugeschlagen, wobei ich lieber von einer lyrischen oder poetisch dichten Prosa sprechen würde. In den Umtrieben eignet etlichen Texten Gedichtcharakter, anderen ein eher feuilletonistischer Anhauch, was wiederum damit zu tun hat, daß ich die Umtriebe-Texte z.T. originär für Blogs geschrieben habe, und automatisch fand sich da so ein dialogischer oder unterhaltender Ton – das Internet ist ja darauf angelegt, auf den Dialog.

Sie bezeichnen Ihre Texte aber schon auch als Miniaturen, und das ist doch eine Gattung, die kaum noch jemand interessiert, oder wie sehen Sie das?

Ja, meine Arbeitsbezeichnung lautet Miniaturen, ein wenig Sicherheit braucht man ja gelegentlich auch, d.h. einen Begriff dafür, was ich mache. Diese Gattung bewegt sich schon ein wenig im Schatten der Lyrik, die gerade jetzt große Aufmerksamkeit genießt, z.T. auch im Feuilleton, und das hat wohl eben auch mit dieser Schubfachmentalität zu tun. Aber ich denke, der gegenwärtige Aufwind der Lyrik ist auch eine Chance für die Miniaturen, in ihrer poetischen Dichte, mit ihrem spielerischen Charakter …

[Fortsetzung folgt]

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