Träumte, eine lesung volker brauns besucht zu haben, in einem leipziger vorort, der buchhandlung von w.; als ich ankam, hatte braun seinen vortrag schon beendet, stand man in gruppen im saal, manche auch an der kasse im verkaufsraum, wo brauns neueste veröffentlichung, ein sonderdruck mit gedichten, angeboten wurde, dessen langen titel ich bestechend fand – w. kam auf mich zu, wir umarmten uns, wechselten ein paar worte, dann trieb es mich zur kasse, eines der letzten exemplare zu erstehen

W. wirkte irgendwie ernüchtert oder gar enttäuscht von dem, was braun vorgetragen, und das schien keine frage der qualität. Eher mochte der unmut sich auf die ungebrochen fortgeführte dialektische betrachtungsweise des autors beziehen, mit der er gesellschaftlichen entwicklungen wie ereignissen in der zeitgeschichte gleichermaßen auf den grund zu gehen trachtet, den brüchen, und das seit jahrzehnten. Wobei w. wohl der ansicht, daß dies doch auf die dauer deprimieren müsse …

In gewissem sinne ist braun strukturalist und beobachtet als solcher die entwicklungen, schaut darauf, wie gesellschaft, schichten oder gruppen sich konstituieren, welche dynamiken dabei entstehen, was das mit dem bewußtsein der handelnden oder getriebenen anstellt … Da zieht sich konsequent eine linie durch die gedichte und vor allem auch prosastücke, von den 60er jahren bis heute, etwa von „das ungebundene leben kasts“, über „die vier werkzeugmacher“ nach der wende bis hin zu „machwerk“ und „die hellen haufen“, letzteres eine reminiszenz an den widerstand der bischofferodaer kumpel gegen die schließung ihres rentablen salzbergwerkes und eine gesellschaftliche utopie zugleich. Braun scheint einer der wenigen autoren, die sich in dieser weise mit gesellschaftlichen vorgängen beschäftigen und daraus erhellende literarische texte gewinnen.

Einsichten in volker brauns wahrnehmungs-/denk- und arbeitsweise gewährt vor allem das 2009 bei suhrkamp erschienene „werktage. arbeitsbuch 1977 – 1989“.

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