Archive für den Monat: August, 2013

Anfang November wird Uwe Hübners lang erwarteter neuer Gedichtband unter dem Titel „Jäger Gejagte“ in der Reihe Neue Lyrik des Poetenladen erscheinen.

Ab und an habe ich den Eindruck, daß Hübners Gedichte ein härenes Gewand bilden, in dem das dichterische Ich in der Großstadtlandschaft unterwegs ist, und gelegentlich juckt ihm das Fell, ist die Stimmung aufgekratzt – obwohl diese Gedichte so anders als beispielsweise Whitmans Gesänge, Bukowskis underdog-Prosa oder die expressionistische Großstadtpoesie/szenerie eines Georg Heym, ist ihnen doch diese Sensibilität für die existentiellen Brüche gemein, die schon im Ansatz des Urbanen zu finden resp. das Urbane selbst darstellen, dessen Charakter oder Wesenszug sind. Vielleicht ist das ihnen Gemeinsame auch dieses Fieber des Getriebenen …

VIER KONSPIRATIVE KÖPFE

in Ehren und Ernst auf den Rümpfen

um einen kuriosen Säulentisch

im Wohnzimmer eines der Köpfe versammelt –

keiner war was Besonderes geworden.

Standen. Tranken. Setzten Zigarren in Gang.

Es gab Urpils Johnnie Walker. An der Decke

in imaginären Lettern kerzenverraucht:

Alle zehn Jahre ein Treff. Dies war der vierte.

Rotgeäderte Augenlider

Bäuche vor sich hertragend

Scherze über XY, die keiner gehabt hatte.

Irgendwann fragte Kopf drei Kopf zwei

ob er sich erinnere, vor neunzehn Jahren

in einer verrückten Nacht, bierschwere Beine

mit dem Fahrrad entlang des Kanals

beuliges Pflaster

Milliarden durchgedrehter Glühwürmchen

wild in der Luft

Massen von Sternen, ein rasender Mond

und daß er gesagt habe, so wird es nie wieder!

Kopf zwei wußte nichts mehr davon.
[Uwe Hübner]

bei der nebelbank, die mir gelegentlich einblick in ihre arsenale gewährt, habe ich noch kredit …

zeitig ein wind, noch fahrig, unentschlossen, was er anfangen soll, eicheln klacken aufs schuppendach, auf der straße verkehr wie werktags, habe schon etliche radfahrer um die ecke flitzen sehen, allein, zu zweien, als hätten wir den sonntag verschlafen oder als wäre er abgeblasen worden, aufgrund mangelnden interesses. Doch von der e-straße her ist ein rumoren vernehmbar, dort tanzt die feierlaunige jugend; herr d. wässert unten die beete mit scharfem strahl, das müssen sie schon aushalten, die zöglinge …

gelber mond, halber, niedrig überm horizont, gottes ohr, das er uns leiht, stundenweise, schweigend uns zuneigt, mehr läßt er nicht von sich sehen …

mitternachtsfernsehen, kriminalfälle ohne beispiel oder allzu vielen, mit der lesebrille, streifiges bild auf dem flachbildschirm, ernüchternd allemal, nur daß ich mittlerweile beim dritten bier, 0,5l die flasche, sich belanglosigkeit einstellt, reproduziert – waldheim also, hotelzimmer, eine fliege auf streife, der fernseher läuft, und mit verzögerung kommt man sich auf die spur …

falls ich sterben sollte, schon vor der zeit – was heißt das: vor der zeit? Ich liebe lange gedichte … (und scheint es nicht ohnehin eine zeit, in der alles raus muß, kaum etwas wachsen oder werden kann, nur schnell hinaus, als befänden wir uns schon am trichterrand eines schwarzen lochs -)

das waren andere früchte, im traum, die wir in diesem zum hause gehörigen garten fanden, da, wo wir einst gewohnt. Das grundstück ein sonnenflecken, das gras kurz und im begriff, zu gilben – solch einen garten würde man eher elbaufwärts verorten, mit seinem abschüssigen gelände … Was suchten wir dort, wo jetzt die nachmieter zuhause: der granatapfelbaum war von früchten dicht, schon mit färbung, aber noch nicht reif, und dann ging der blick zum feigenbaum, dessen obst so mächtig, wie ich es nie zuvor gesehen, vom umfang her erinnerte es mich an riesen-boviste, die man in scheiben schneiden, wie schnitzel panieren und braten kann – wir pflückten nichts davon, trennten uns nur von einigen der feigen ein stück ab, das fleisch fast weiß … Gestern, im gespräch mit dem bruder, waren wir auch auf früchte zu sprechen gekommen, natürlich nicht die der arbeit, und später, als ich die runde drehte, sollte ich die ersten reifen brombeeren entdecken, sollten mir all die früchte zu kopfe steigen, mich verwirren, an masse gewinnen, als spekulierte wer damit an der börse …