Archive für den Monat: Dezember, 2013

ab morgen also wieder diese magere römische ziffer in der monatszählung, und mit ihr die illusion, alles begänne von vorn, mit diesem strich, der immer in gefahr, übersehen zu werden – Was mag los gewesen sein, hierzulande, im jahre eins der neuen zeitrechnung? War da irgendwo euphorie zu beobachten, wie zur letzten jahrtausendwende, oder eher ernüchterung, das gefühl der zurücksetzung auf los, wenn dieser akt der neuerung außerhalb bestimmter zirkel denn überhaupt wahrgenommen wurde resp. man nicht vielmehr erst später zurückzurechnen begonnen, zu einem zeitpunkt, da die rechnung schon längst aufgemacht, man bereits hinweg über die ungnade der eins

diese stille noch nach fünf, am samstag morgen, obgleich das laternenlicht lärmt, kupferfarbener balg auf dem asphalt, glänzig, wo alles belag (so sprach jugend wohl zu meiner zeit: he alter, nicht soviel belag, nicht soviel drauf auf die schnitte, die man unweigerlich ins maul serviert bekommt, jeden tag, von irgend einem, der es besser weiß oder wider besseren wissens einem den happen hinein schiebt: beiß an, beiß ab, du krepierst schon nicht dran … So dieser anschein eben, den mensch sich zurückgeholt, auf die straße, wo es nimmer mehr kupferschmiede und kesselflicker umtreibt, nur diesen nächtigen glanz gibt, als wären tausende davon zugange gewesen, ihn aufzupolieren …

wir saßen in einem raum, der mit tisch und stühlen nur karg möbliert, zureichend für einen austausch, wie wir ihn pflegten; das taglicht, fahl von den fenstern her, ließ tisch und gestühl farblos erscheinen, dies helle weichholz, das irgendwann grau wird, ausgelaugt vom licht und von schweiß, zuviel licht und schweiß über eine zu lange zeit. Der schimmer taglichts auf dem tisch blendete zuweilen, überblendete, was möglicherweise darauf zu liegen gekommen …

sobald schnee liegt, erwacht der instinkt der spurenleserin in mir – heute morgen war beispielsweise zu lesen, daß da wohl jemand aus dem häuschen geraten und durch den vorgarten hinaus auf die straße gelaufen, vier fünf meter weit, sich dann um die eigene achse gedreht, und wieder zurück. Der spurt nicht richtig, war mein erster gedanke, und ich erinnerte mich, daß dies die eltern auch gelegentlich von mir behauptet, vielleicht, weil ich öfters nebenher … Wenn der typ nur ein wenig gewartet, hätte er mit einem eichhörnchen ein zwiegespräch führen können – möglicherweise hätte er aber auch etwas früher aufstehen müssen …

Dieser Restglaube an die Sache, noch 1971, d.h. eigentlich schon an eine andere Art von Sozialismus als den alltäglich erlebbaren in der DDR, eher an einen, wie er sich in der Französischen Republik hätte konstituieren können, in der Tschechoslowakei oder eben in Chile. Doch mit all den Demokratisierungsansätzen und der Umverteilung von oben nach unten unter Allendes Präsidentschaft, der Verstaatlichung von Grund und Boden, der Kupferminen, der Landverteilung an verarmte Schichten war der Kapitalismus mitnichten abgeschafft.

Der Zeitgenosse hatte zur Leipziger Frühjahrsmesse 1971 den Stand Chiles aufgesucht und Prospekte mitgenommen, in denen die nationalisierten Kupfertagebaue abgebildet waren, auf beeindruckenden Hochglanzphotos, und hatte wohl in seinem Eifer geglaubt, daß dieser enteignete, nun staatliche Konzern nicht etwa mit harten Bandagen um Marktanteile kämpfte, sondern in der Weichzeichnung jedweden solidarischen Gedankens, unser aller Hingabe, sein Herz, seine Arsenale öffnen müßte. In diesem Moment hätte der Zeitgenosse auch erahnen können, daß Solidarität in der Gefahr steht, jene zu kolonialisieren, die man damit bedenkt, auf die man ganz eigene Erwartungen projiziert …

an der bushaltestelle, gleich ausgestellten bildern, manns-, weibsbilder – es wiederholt sich alles und auch wieder nicht; so ging ich morgens in die knie, öfters, nach nur wenigen schritten …

alles obermeerisch da oben, die wolken, leicht gewellt, als ob da noch dünung oder dies ein feiner sand; kaum spürbares schlingern des luftschiffs auf seiner route, die auf keiner karte verzeichnet …

die verlockung, nachts in der veranda zu sitzen und auf die straße zu schauen, zu sehen, was kommt, was geht – gegen drei auf diesen längeren wegabschnitt, wo die dunkelheit bodenlos, im schlagschatten der mannshohen hecke, die den weg flankiert; nacheinander habe ich drei leute dies dunkel passieren sehen, d.h. ich vermochte nur den oberen teil ihrer köpfe zu erkennen und die halbkugelförmigen schatten, die über den asphalt wanderten, im gehörigen abstand, und doch konnte man meinen, die drei bildeten einen zusammenhang – als sie die kreuzung erreicht, sichtbar wurden, stellte sich heraus, daß es sich um männer handelte, von denen der eine nun nach links abging, der andere nach rechts, der dritte indes war plötzlich nicht mehr zu sehen …