Archive für den Monat: März, 2014

soweit die pfade noch sichtbar, das unterholz spärlich beflaggt, im buchenwald – heute entdeckte ich einen neuen, geboren aus der not, und es wurde dunkler und dunkler, während ich lief …

träumte, auf die letzte seite einer kladde, a5-format, wie ich sie auch als tagebuch verwende, zu schreiben, aber was ich schrieb, war eine geschichte, eine mit handlung; an der gegenüberliegenden seite des tisches hockte ein alter, den ich nicht kannte, der raum öffentlich, ein café vielleicht, und mir schien, daß es unser küchentisch aus der elterlichen wohnung, obgleich er nicht mit einem wachstuch überdeckt, deren grafischen mustern ich als kind so gern gefolgt war, mit den fingern …

 
das holz des tisches dunkel, auf der oberfläche einsprengsel von taglicht, das trübe, die trübung des lichts machte, daß alles im raum farblos wirkte, wie auf schwarz-weiß-fotografien, dennoch konnte ich, was sich auf dem papier entwickelte, gut erkennen, diese sätze, die teil einer geschichte, linear erzählt, was mich befremdete, wie auch der eifer, mit dem ich schrieb, zeile für zeile, und nur kurz der gedanke an die erzählversuche ende der 60er jahre, an denen ich gescheitert war, weil ich des grundes dafür enthoben, d.h. nie einen besessen hatte, nicht für diese art von geschichten – indes vermochte die erinnerung daran den schreibfluß nicht zu unterbrechen …

Gelegentlich einer Umfrage auf fb, Autorinnen und Autoren zu nennen, die unsereins beeinflußt, von denen die oder der eine und andere gelernt haben – für mich lohnt diese kleine Anstrengung jedoch nur, wenn ich einen Schritt weiter gehe. So waren es oft einzelne Texte der von mir auf fb aufgelisteten fünfzehn AutorInnen, die in besonderer Weise eigene Lern- und Schreibprozesse zu initiieren vermochten, in den siebziger und Anfang achtziger Jahren. Die imaginative Kraft des Gedichts „Weihnachten“ von Guiseppe Ungaretti beispielsweise, das mit folgender Strophe endet:

ich halte es
mit den paar
Bocksprüngen
des Rauches
vom Herd
(Nachged. von Ingeborg Bachmann)

Diese Zeilen eines dichterischen Ich, das abgeneigt, sich an der Betriebsamkeit draußen auf der Straße zu beteiligen, weil sie ihm möglicherweise Begriff einer Sinnentleerung (das Gedicht ist auf 1916 datiert), stattdessen die Zurückgezogenheit, wenn nicht gar Einsamkeit sucht, habe ich immer wieder gelesen, während ich in der Dachkammer hauste, enthoben, in vergleichbarer Gestimmtheit.

Schon zeitig habe ich Bobrowskis Gedichte wahrgenommen, in Sonderheit sind es aber Musikalität und Bildhaftigkeit der Erzählung „Mäusefest“, die mich faszinierten, der stille Dialog eines jüdischen Kleinhändlers mit dem Mond, in den dann die Unhaltbarkeit der Gegenwart in Gestalt eines deutschen Soldaten einbricht.

„Kindheit“ von Nathalie Sarraute, dieser Strom von Erinnerungen, Sinneseindrücken hat mich gefesselt – es sind keine Geschichten, die Sarraute hier erzählt, vielmehr Erkundungen dessen, was sie wie auf- und wahrgenommen, was ihre Kindheit bestimmt, geprägt hat. Und in der Erkundung von Worten, Gerüchen, Bildern vermag dieser Text eine dichterische Intensität zu entwickeln.

Von Sarah Kirsch könnte ich den zauberhaften Band „La Pagerie“ nennen, es handelt sich dabei um poetisch gestimmte Miniaturen, in denen sie ihren Landaufenthalt in der Provence reflektiert. Dann erinnere ich mich eines Textes namens „Novellette“, den ich in der Zeitschrift ART gefunden hatte und der wohl auch mit für mein anhaltendes Interesse an der kleinen Form verantwortlich ist.

sarah kirsch novellette

Paul Verlaines Gedicht „Charleroi“ (in der Übertragung von Gerhart Haug) ging mir nicht aus dem Sinn, dieses Koboldtreiben im schwarzen Gras, selbst in einer von Industrie und Braunkohlentagebau geprägten Gegend aufgewachsen. In sparsamen Versen schafft es eine Szenerie, die von sozialer Not, industriellem Aufbruch und Unwirtlichkeit dieser Kulturlandschaft kündet.

das irrlichtern einer fern stehenden laterne vor augen, nächtens, wenn ich in der veranda sitze, die endlichkeit dieses kosmos, der weit -; das erinnert mich an die fahrten mit dem überlandbus, den blick in den dunst, zu jener kette von lichtern am horizont, flimmernd, an der ich vorüberzog, im nachtblauen gewand …

nachts in der herzgegend unterwegs, erwachte von einem schmerz, als ich gerade auf dem weg, der voller laub und in kaskaden zu jener verlorenen lichtung hin abfällt, die ich gestern entdeckte …

morgens über die kurwiese, durch vorjahresgras, eine nachwinterliche landschaft oder eher ein gelände, das mir gleich eines geländers etwas halt, rückhalt zu geben vermag, und jenseits dessen die leere –

nach vielen jahren „besänftigung“ und „die begierde“ wiedergelesen, zwei gedichte, die ich 1982 geschrieben, im mai, kurz nach meiner exmatrikulation, und die mir heute so fremd erscheinen, entstanden in der durchhitzten dachkammer, in der die luft stockend, wie in mir alles in dieser zeit, zumindest dichterisch, aber auch sonst, schien diese mansarde eher der abgrund, in dem ich versackte, nunmehr zum schreiben freigesetzt, doch ohne geld = arbeitsplatz, und immer mit der frage konfrontiert, was werden wird, möglicherweise schon mit dem ablehnungsbescheid des lyrikverlags (zu den unterlagen!), blicken in reclam juniors schaurige welten (george, heym …), mit wundhafter verklärung von wunden beschäftigt, die diese lektüren und vielmehr noch das leben geschlagen, gab ich sie preis; ein bohemien würde nie aus mir werden, trotz rotwein am morgen, solange das geld reichte, trotz talks im café barbakane, im schatten der deutungen, spätmittelalterlicher gemäuer, und schlug so meinen kreis nie weiter als bis zur buchhandlung in der h.-straße, und schon diese straße zu eng, zu belebt, eine röhre, in der das leben beschleunigte, raste. Diese gedichte nun in einem ton, den ich als klassizistisch oder neo- bezeichnen würde, analog der stilepoche, mit einer anmutung, die von george, heym oder rimbaud herrühren mochte, bei denen das pflanzliche mitunter gleich nekrosen im körper. Und wars ein ausdruck von lebensüberdruß oder nur, daß ich damit spielte, im brackwasser hochgespannter erwartungen? Im tagebuch aus jenem jahr findet sich kein eintrag zu den beiden texten, zu diesem zeitpunkt glaubte ich noch, zwischen tagebuch- und gedichteschreiben reinlich trennen zu müssen …

Besänftigung

Johannes holte die Asche hinterm Ofen hervor & streute sie in die Stube, Asche seiner Worte Beschwörungen, er bildete einen Vogel aus ihr, einen Kreis

Und Johannes entzündete eine Kerze, trat, diese in Brusthöhe erhoben auf die Straße, eine Straße, gezeichnet von den Lauten der Hunde, den Steckbriefen Kreidehimmeln der Kinder

Er begann eine Prozession, die Rockschöße wirbelten rücklings im Wind, Rauch wölbte sich überm Licht der Kerze, Johannes flüsterte im Tempo der Schritte Vokale; erschrak vor den Fingern des Nachtmahr

Johannes erreichte den Blumenfriedhof im Gewande des Neumondes, bettete seinen Kopf in den Atem halbwelken Flieders hinein, zu Füßen die Flamme, und belud sich mit trockenem Werg

Johannes schob die Hände in den Morast, traf auf Scherben & Erde, befühlte die Schwammkronen zeitiger Nelken, Johannes schlief ein, Blüten trieben aus seiner Stirn

: holzacker – ein wort, das mir ungeläufig, und man gerät in eine finsternis, ein gespinst von bezügen, wiewohl der auslöser für das ganze doch offenkundig, im gang durch die heide, stolpern übers aderwerk zu tage liegender wurzeln …

mittags, im traum, sollte ich das abwägen lernen, mittels einer waage, vor mir auf dem tisch, die schalen messingfarben, gewichte sah ich nicht, und ich dachte, wie schnell das geht, sich hinter einer theke wiederzufinden, angestellt  …