nach vielen jahren „besänftigung“ und „die begierde“ wiedergelesen, zwei gedichte, die ich 1982 geschrieben, im mai, kurz nach meiner exmatrikulation, und die mir heute so fremd erscheinen, entstanden in der durchhitzten dachkammer, in der die luft stockend, wie in mir alles in dieser zeit, zumindest dichterisch, aber auch sonst, schien diese mansarde eher der abgrund, in dem ich versackte, nunmehr zum schreiben freigesetzt, doch ohne geld = arbeitsplatz, und immer mit der frage konfrontiert, was werden wird, möglicherweise schon mit dem ablehnungsbescheid des lyrikverlags (zu den unterlagen!), blicken in reclam juniors schaurige welten (george, heym …), mit wundhafter verklärung von wunden beschäftigt, die diese lektüren und vielmehr noch das leben geschlagen, gab ich sie preis; ein bohemien würde nie aus mir werden, trotz rotwein am morgen, solange das geld reichte, trotz talks im café barbakane, im schatten der deutungen, spätmittelalterlicher gemäuer, und schlug so meinen kreis nie weiter als bis zur buchhandlung in der h.-straße, und schon diese straße zu eng, zu belebt, eine röhre, in der das leben beschleunigte, raste. Diese gedichte nun in einem ton, den ich als klassizistisch oder neo- bezeichnen würde, analog der stilepoche, mit einer anmutung, die von george, heym oder rimbaud herrühren mochte, bei denen das pflanzliche mitunter gleich nekrosen im körper. Und wars ein ausdruck von lebensüberdruß oder nur, daß ich damit spielte, im brackwasser hochgespannter erwartungen? Im tagebuch aus jenem jahr findet sich kein eintrag zu den beiden texten, zu diesem zeitpunkt glaubte ich noch, zwischen tagebuch- und gedichteschreiben reinlich trennen zu müssen …

Besänftigung

Johannes holte die Asche hinterm Ofen hervor & streute sie in die Stube, Asche seiner Worte Beschwörungen, er bildete einen Vogel aus ihr, einen Kreis

Und Johannes entzündete eine Kerze, trat, diese in Brusthöhe erhoben auf die Straße, eine Straße, gezeichnet von den Lauten der Hunde, den Steckbriefen Kreidehimmeln der Kinder

Er begann eine Prozession, die Rockschöße wirbelten rücklings im Wind, Rauch wölbte sich überm Licht der Kerze, Johannes flüsterte im Tempo der Schritte Vokale; erschrak vor den Fingern des Nachtmahr

Johannes erreichte den Blumenfriedhof im Gewande des Neumondes, bettete seinen Kopf in den Atem halbwelken Flieders hinein, zu Füßen die Flamme, und belud sich mit trockenem Werg

Johannes schob die Hände in den Morast, traf auf Scherben & Erde, befühlte die Schwammkronen zeitiger Nelken, Johannes schlief ein, Blüten trieben aus seiner Stirn

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