Gelegentlich einer Umfrage auf fb, Autorinnen und Autoren zu nennen, die unsereins beeinflußt, von denen die oder der eine und andere gelernt haben – für mich lohnt diese kleine Anstrengung jedoch nur, wenn ich einen Schritt weiter gehe. So waren es oft einzelne Texte der von mir auf fb aufgelisteten fünfzehn AutorInnen, die in besonderer Weise eigene Lern- und Schreibprozesse zu initiieren vermochten, in den siebziger und Anfang achtziger Jahren. Die imaginative Kraft des Gedichts „Weihnachten“ von Guiseppe Ungaretti beispielsweise, das mit folgender Strophe endet:

ich halte es
mit den paar
Bocksprüngen
des Rauches
vom Herd
(Nachged. von Ingeborg Bachmann)

Diese Zeilen eines dichterischen Ich, das abgeneigt, sich an der Betriebsamkeit draußen auf der Straße zu beteiligen, weil sie ihm möglicherweise Begriff einer Sinnentleerung (das Gedicht ist auf 1916 datiert), stattdessen die Zurückgezogenheit, wenn nicht gar Einsamkeit sucht, habe ich immer wieder gelesen, während ich in der Dachkammer hauste, enthoben, in vergleichbarer Gestimmtheit.

Schon zeitig habe ich Bobrowskis Gedichte wahrgenommen, in Sonderheit sind es aber Musikalität und Bildhaftigkeit der Erzählung „Mäusefest“, die mich faszinierten, der stille Dialog eines jüdischen Kleinhändlers mit dem Mond, in den dann die Unhaltbarkeit der Gegenwart in Gestalt eines deutschen Soldaten einbricht.

„Kindheit“ von Nathalie Sarraute, dieser Strom von Erinnerungen, Sinneseindrücken hat mich gefesselt – es sind keine Geschichten, die Sarraute hier erzählt, vielmehr Erkundungen dessen, was sie wie auf- und wahrgenommen, was ihre Kindheit bestimmt, geprägt hat. Und in der Erkundung von Worten, Gerüchen, Bildern vermag dieser Text eine dichterische Intensität zu entwickeln.

Von Sarah Kirsch könnte ich den zauberhaften Band „La Pagerie“ nennen, es handelt sich dabei um poetisch gestimmte Miniaturen, in denen sie ihren Landaufenthalt in der Provence reflektiert. Dann erinnere ich mich eines Textes namens „Novellette“, den ich in der Zeitschrift ART gefunden hatte und der wohl auch mit für mein anhaltendes Interesse an der kleinen Form verantwortlich ist.

sarah kirsch novellette

Paul Verlaines Gedicht „Charleroi“ (in der Übertragung von Gerhart Haug) ging mir nicht aus dem Sinn, dieses Koboldtreiben im schwarzen Gras, selbst in einer von Industrie und Braunkohlentagebau geprägten Gegend aufgewachsen. In sparsamen Versen schafft es eine Szenerie, die von sozialer Not, industriellem Aufbruch und Unwirtlichkeit dieser Kulturlandschaft kündet.

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