Archive für den Monat: Mai, 2014

in kopenhagen (traumhalber – wie oft traum gebläht von medial überlieferten bildern, geschichten, diesem lebens-, wirklichkeitsersatz), in kopenhagen also, vielmehr an dessen rand, von dem her die skyline sichtbar; in der vorortbahn erzählte wer, täglich vom jenseitigen ende der stadt herüber zu kommen, ohne fahrschein, der schaffner drücke regelmäßig ein auge zu, und dann all die stationen zu fuß zurück, das mache spaß … Ich schaute aus dem fenster, zwischen bahntrasse und den ersten bauten nur flaches land, keinerlei erhebung, ein land, das kahl wie die steppe, und dennoch schien der schatten von etwas unbestimmbaren über diesem boden zu liegen –

nachts wiederholt raus, gegen drei das letzte mal, da hellte es schon auf, am nordosthorizont, was trotz der wolkenstreifen gut zu sehen, und dazu die stimme eines vogels, verfrüht – was machen vögel, wenn sie nicht schlafen können, und gibt es das bei ihnen überhaupt, einmal von äußeren störungen abgesehen, dieses phänomen der schlaflosigkeit, d.h. umgetrieben zu werden von etwas, das einem durch den kopf geht? – R. ging noch eine zeichnung durch den kopf, eine konstruktionssache, weshalb es auch sie zeitig aus dem bette trieb … Faszinierend allemal, was da im resp. den kopf passiert, kopfkino, kopfgeld, kopfgeburt, unser leben, auf den kopf gestellt …

Frage: Würden Sie Ihre Texte als Gelegenheitsgedichte bezeichnen?

Antwort: Durchaus, nur daß sich mir die Gelegenheit dazu fast täglich bietet, weshalb etliche der Texte mit morgens, gestern oder abends einsetzen, wie beispielsweise dieser hier

morgens durch die wassersatte heide, und da, wo das licht mit seiner axt auftrifft, steigen nebel auf …

Nebenbei – diese kleine Arbeitsprobe möchte ich natürlich Michael Buselmeier widmen.

Frage: Dann machen Sie das professionell, sind ein Berufsdichter?

Antwort: So könnte man das sehen, wenn es mir jetzt keine steuerlichen Nachteile bringt …

durch hohes gras, neben der spur, wo die kelchblätter des mohns schon am verblassen, kaum daß sie sich aufgefaltet, indes das licht ohne gnade hinfälliges richtet …

mitunter verspüre ich ein befremden, wenn zeitgenossen, die jenseits der mauer zuhause waren und mit ihr kaum kontakt hatten, daran rühren, an diesem mal, das für viele ein trauma ist, und vielleicht auch bleibt, solange wir leben, denn ihr bestand dünkte vielen lebenslänglich –

Doch helene cixous hat in einem interview, das cecile wajsbrot mit ihr schriftlich führte und nun in heft 2/2014 der zeitschrift sinn und form dokumentiert ist, außerordentlich hellsichtiges dazu geäußert. Auf die frage, wie sie den fall der berliner mauer erlebt und empfunden habe, antwortet helene cixous:

Natürlich habe ich mich gefreut, als die Mauer zu fallen schien: fortan würde es auf dem Wiesenstreifen keine Toten mehr geben. Doch die Mauer hat sich bloß einen anderen Ort gesucht.

jene frau, die mutter so ähnlich – ich vermeinte, sie eben entdeckt zu haben, unten an der ecke, mit blick zur baustelle, doch drehte sie sich dann, entpuppte sich als mann, in einer dieser jacken im weißnicht-beigeton, die ihre träger unkenntlich erscheinen lassen; und eingeschrieben scheints noch der ganzen generation: sich verschwinden zu machen …

in der bahnhofstoilette das entselbstete ich abgetrieben, in jener toilette, die im stadtseitigen durchgang des bayrischen bahnhofs gelegen, und dann die zelle von außen verriegelt: besetzt; kein augenzeuge an diesem nachmittag, vorwinter, die dunkelheit noch nicht vorgerückt – nur ein bahnbeamter, von jenseits des stumpfgleises, kurzer blick herüber, nichts bemerkt, nichts, und im verlassen des geländes sich nicht umgewandt, nicht mit dem salzsäulenblick – Bayrischer platz, eine tasche, in der hatte das entselbstete ich kaum platz, es hätte sich dunkel aufgebauscht, in der tasche, noch im gepäcknetz der bahn, die richtung g. ging, g wie gotha, wie grenze, g wie ganz, g wie weg (es gab in dieser richtung keine orte mit c, wie auf der rückfahrkarte vermerkt) – nichts also, was beulte, das lagerte im besetzten gebiet und würde gefunden, sobald es jemand auffiel, daß da immer besetzt, sich niemand meldete – Hatte der bahner was gesehen oder nur geschaut? Hatte der ihn schon kommen sehen, von der schalterhalle her, die gleise querend, das selbstlose ich, epaulettenschweif, ohne knisternde sterne, weißer halskragenstreif, kurz aufblinkend, und dann, minuten später, ganz anders im gehen, nur diese tasche – nein …