Archive für den Monat: Februar, 2015

„solang es noch erinnerung, geschichte gibt, möchte ich erinnert sein, als kleineres licht“ (sagte er) – „Oder geringeres übel. Aber die menschheit ist durchgeknallt, man wird sich ihres zeitalters vor allem als das von kriegen erinnern“ (wer?)

Auf poetenladen.de hatte 2009 eine von Dieter M. Gräf und Alessandro De Francesco initiierte Lyrikonferenz statt, im Folgenden möchte ich meinen Beitrag auch hier dokumentieren:

Im literarischen Diskurs wird auch heute noch gern von „post-“ gesprochen, als hätten sich die Gattung als auch ihr Vermögen zur Moder­nität gleicher­maßen erschöpft und alles folgende, d.h. gegen­wärtige, wäre nur als Nach­spiel zu betrachten. Entziehen sich aber Literatur­kritik wie Literatur­schaffende vermittels ihrer Argumenta­tionen nicht auch ein Stück weit der künstlerischen Verant­wortung? Solang immer noch eine Lyrik wie die des Barockdichters Quirinus Kuhlmann, die einer Else Lasker-Schüler, einer Edith Södergran oder die eines Jesse Thor oder Uwe Greßmann (um nur ein paar Namen zu nennen, und es könnten hier auch ganz andere stehen) so frisch und lebendig, so zeit­genössisch daher­zukommen vermögen wie in ihrer Entstehungs­zeit, kann ich kaum glauben, dass die Zeit für Gedichte zu Ende sein soll oder die zeit­genössische Lyrik heute nur noch zu epigonalem Tun verurteilt ist. Zeigen sich nicht vielmehr gerade in der Aktualität längst geschriebener Werke Zeit­losigkeit wie Zeit­genossenschaft jedweder Dich­tung, die sich an äußerste Punkte vorgewagt hat, in ihrer Grenz­gänger­eigenschaft …

Der Anfang der 90er Jahren eingeführte Begriff der Postmoderne birgt m.E. nach wie vor den gültigen Moment der Moderne in sich. Aber was zeichnet moderne Dichtung aus? Und was bedeutet uns dieser Moderne-Begriff? Entfernen wir uns doch endlich von dem ihm unter­stellten Aspekt des modischen. Lassen wir doch dieses Absprechen oder Zuweisen von Etiketten, diese Begriffs­huberei, um etwas einzuordnen, das sich von Mal zu Mal der Einordnung entzieht, weil es lebendig ist, in einer Entwicklung begriffen. Nur daß diese Entwicklung nicht linear als Fortschritt interpretiert werden kann. Die Gedichte selbst sind es, die ich als Ortsbestimmungen betrachte, und ihr Werkzeug, die Sprache, als ein feines Instrumentarium für das Wahrnehmen von Wirklichkeit. Und genau da sehe ich den Ansatz für selbstkritische Reflexionen des Autors, was die eigenen Schreib­bewegungen betrifft, wie für die Textkritik. Ich weiß nicht, warum der Zeitgeist dem Sprachgefühl und der Eigen­bewegung der Sprache, ihrem Sensorium so wenig vertraut und mit dem Seziermesser statt mit Gespür an die Sache herangeht … Gedichten allerdings, die keinen Zauber, keine Atmosphäre haben, kann ich nichts abgewinnen, sie kann ich nur zur Kenntnis nehmen. Gedichte, in denen nichts mitschwingt, die lediglich handwerklich gut gearbeitet sind – davon gibt es genug. Innovativ ist ein Text dann, wenn er Wirklichkeit zu schaffen, zu begründen vermag, einen poetischen Raum, Schwingraum von Worten, eine Atmosphäre, die eigenständig und also in einer bestimmten Weise auch einzig­artig ist, unvergleichlich … Dabei ist alles möglich, auch zu experimentieren. Mit Erfindungen schafft man das nicht.

Sylvia Geist bezeichnet in ihrem Statement das Gedicht als Ort der Findung, während ich es eher, und darin inbegriffen die Sprache, als Instrumentarium für Erkundungen betrachte, und den entstandenen poetischen Raum, den Raum des Gedichts als Ergebnis dieses Erkundungsgangs zugleich, ein Ergebnis, dem nichts Endgültiges eignet, das wohl aber Gültiges darzustellen vermag.

„Schreibbar wird mir“, sagt Sylvia Geist, „was in meinem Erleben der Fall ist.“ Da liegen sich unsere Auffassungen nicht fern – auch ich vermag nur aus eigenem Erfahrungshintergrund heraus zu schreiben, der „Gegenstand“ muß von mir erlebt, erfahren worden, durch mich hindurch gegangen sein, und sei es in vermittelter Weise. Als Phantasie in diesem Prozeß erachte ich nicht die Erfindung, schon eher die Findung, aber zu allererst die Fähigkeit, in einem Erlebten, Erfahrenen noch ganz andere Aspekte, Schichtungen auszumachen als die, die auf der Hand liegen, die Fähigkeit, zu abstrahieren, neue Räume zu eröffnen, Bezüge zu entdecken und zu schaffen … Mir kommt es auf das Unsagbare an, das zwischen den Zeilen mitschwingt und für das der Bedingungsraum oder -rahmen von Worten geschaffen wird, wenn man nur bereit ist, deren Eigenbewegung zu beobachten, ihrem Sich-selbst-Organisieren zu folgen. Mir kommt es auf das an, was ich nicht weiß und im Schreiben zugleich zu etwas Erkund- und Erfahrbaren mache. Nur das interessiert mich am Schreiben, nur das fordert mich heraus und gibt mir das Gefühl, unterwegs zu sein, auf ungesichertem Terrain. Und dies bedarf jeweils ganz eigener stilistischer Mittel, die für jeden Text im Prinzip neu erfunden werden müssen resp. erzwingt sie schon der „Gegenstand“ selbst. Was dann, vorausgesetzt, das Gedicht ist gelungen, auch dessen innovativen Charakter mit ausmacht. Dabei muß der entstehende poetische Text/Raum von innerer Notwendigkeit bestimmt, in diesem Sinne wahrhaftig sein. Weiter und weiser sein als ich im Augenblick seiner Niederkunft … Ein Augenblick, der ja doch zumeist ein Prozeß ist. Und dies alles vollzieht sich im Unbedingten, in der Bedingungs­losigkeit, in der das Schreiben idealer­weise statthat.

ausgangs der nacht ein traum, der mir bedeutete, aus einem anderen erwacht zu sein (und das ich pfadfinderisch auf dem weg zur toilette), einem traum, der mich aus der affaire, der den stecker gezogen, sich aus dem staub gemacht, dem der häuslichkeit, sich davongestohlen, mondgleich (wenngleich nicht nacht für nacht), und indiskutabel dessen hinterlassenschaft (war das nach zwei, nach vier, oder eins weiter? Die laternen lagen matt, restmilchschimmer, nichts gehört vom mond, keinen streif, nur sterne bar im lichtselch über der stadt, deren vergänglichkeitshorizont, die klimperten was, hienieden die welt hatte sich für den tag besorgt, aus setzte für momente das klammer-ich …

: „ich war vor drei jahren in dieser filiale und habe dich brennen gesehen“ – „geht es dir gut?“ – „meine mutter ist gestorben“ – „ich weiß, daß ich das verdiene“ – „das ist meine strategie“ – „du hast mich gar nicht gefragt, wo ich all die jahre war, was ich getrieben habe“ – „das hätte von dir kommen müssen“ – „ich weiß“

auf dem areal hinterm einkaufscenter zwei bäume, der boden rings um deren stamm bedeckt von schwarzem laub, als hätten die schatten, die übers jahr gefallen, materialität erlangt –

plötzlich war alles weiß, wovon über nacht jedoch das meiste verschwunden, und was vom letzten traum geblieben: es wäre nicht so günstig, einzuschweben äußerte ich einem begleiter gegenüber, alle würden sofort an engel oder gott denken. Wir sollten eher konventionelle wege … Auf nächtlicher, gaslaternenbesternter straße vollzog sich das, hie und da die dunkelheit nur durchbrochen von einem klacks licht, flecken orangefarbenen bluts, und jede zweite laterne schien fehlzugehen, was das dunkel noch undurchscheinbarer machte …