Auf poetenladen.de hatte 2009 eine von Dieter M. Gräf und Alessandro De Francesco initiierte Lyrikonferenz statt, im Folgenden möchte ich meinen Beitrag auch hier dokumentieren:

Im literarischen Diskurs wird auch heute noch gern von „post-“ gesprochen, als hätten sich die Gattung als auch ihr Vermögen zur Moder­nität gleicher­maßen erschöpft und alles folgende, d.h. gegen­wärtige, wäre nur als Nach­spiel zu betrachten. Entziehen sich aber Literatur­kritik wie Literatur­schaffende vermittels ihrer Argumenta­tionen nicht auch ein Stück weit der künstlerischen Verant­wortung? Solang immer noch eine Lyrik wie die des Barockdichters Quirinus Kuhlmann, die einer Else Lasker-Schüler, einer Edith Södergran oder die eines Jesse Thor oder Uwe Greßmann (um nur ein paar Namen zu nennen, und es könnten hier auch ganz andere stehen) so frisch und lebendig, so zeit­genössisch daher­zukommen vermögen wie in ihrer Entstehungs­zeit, kann ich kaum glauben, dass die Zeit für Gedichte zu Ende sein soll oder die zeit­genössische Lyrik heute nur noch zu epigonalem Tun verurteilt ist. Zeigen sich nicht vielmehr gerade in der Aktualität längst geschriebener Werke Zeit­losigkeit wie Zeit­genossenschaft jedweder Dich­tung, die sich an äußerste Punkte vorgewagt hat, in ihrer Grenz­gänger­eigenschaft …

Der Anfang der 90er Jahren eingeführte Begriff der Postmoderne birgt m.E. nach wie vor den gültigen Moment der Moderne in sich. Aber was zeichnet moderne Dichtung aus? Und was bedeutet uns dieser Moderne-Begriff? Entfernen wir uns doch endlich von dem ihm unter­stellten Aspekt des modischen. Lassen wir doch dieses Absprechen oder Zuweisen von Etiketten, diese Begriffs­huberei, um etwas einzuordnen, das sich von Mal zu Mal der Einordnung entzieht, weil es lebendig ist, in einer Entwicklung begriffen. Nur daß diese Entwicklung nicht linear als Fortschritt interpretiert werden kann. Die Gedichte selbst sind es, die ich als Ortsbestimmungen betrachte, und ihr Werkzeug, die Sprache, als ein feines Instrumentarium für das Wahrnehmen von Wirklichkeit. Und genau da sehe ich den Ansatz für selbstkritische Reflexionen des Autors, was die eigenen Schreib­bewegungen betrifft, wie für die Textkritik. Ich weiß nicht, warum der Zeitgeist dem Sprachgefühl und der Eigen­bewegung der Sprache, ihrem Sensorium so wenig vertraut und mit dem Seziermesser statt mit Gespür an die Sache herangeht … Gedichten allerdings, die keinen Zauber, keine Atmosphäre haben, kann ich nichts abgewinnen, sie kann ich nur zur Kenntnis nehmen. Gedichte, in denen nichts mitschwingt, die lediglich handwerklich gut gearbeitet sind – davon gibt es genug. Innovativ ist ein Text dann, wenn er Wirklichkeit zu schaffen, zu begründen vermag, einen poetischen Raum, Schwingraum von Worten, eine Atmosphäre, die eigenständig und also in einer bestimmten Weise auch einzig­artig ist, unvergleichlich … Dabei ist alles möglich, auch zu experimentieren. Mit Erfindungen schafft man das nicht.

Sylvia Geist bezeichnet in ihrem Statement das Gedicht als Ort der Findung, während ich es eher, und darin inbegriffen die Sprache, als Instrumentarium für Erkundungen betrachte, und den entstandenen poetischen Raum, den Raum des Gedichts als Ergebnis dieses Erkundungsgangs zugleich, ein Ergebnis, dem nichts Endgültiges eignet, das wohl aber Gültiges darzustellen vermag.

„Schreibbar wird mir“, sagt Sylvia Geist, „was in meinem Erleben der Fall ist.“ Da liegen sich unsere Auffassungen nicht fern – auch ich vermag nur aus eigenem Erfahrungshintergrund heraus zu schreiben, der „Gegenstand“ muß von mir erlebt, erfahren worden, durch mich hindurch gegangen sein, und sei es in vermittelter Weise. Als Phantasie in diesem Prozeß erachte ich nicht die Erfindung, schon eher die Findung, aber zu allererst die Fähigkeit, in einem Erlebten, Erfahrenen noch ganz andere Aspekte, Schichtungen auszumachen als die, die auf der Hand liegen, die Fähigkeit, zu abstrahieren, neue Räume zu eröffnen, Bezüge zu entdecken und zu schaffen … Mir kommt es auf das Unsagbare an, das zwischen den Zeilen mitschwingt und für das der Bedingungsraum oder -rahmen von Worten geschaffen wird, wenn man nur bereit ist, deren Eigenbewegung zu beobachten, ihrem Sich-selbst-Organisieren zu folgen. Mir kommt es auf das an, was ich nicht weiß und im Schreiben zugleich zu etwas Erkund- und Erfahrbaren mache. Nur das interessiert mich am Schreiben, nur das fordert mich heraus und gibt mir das Gefühl, unterwegs zu sein, auf ungesichertem Terrain. Und dies bedarf jeweils ganz eigener stilistischer Mittel, die für jeden Text im Prinzip neu erfunden werden müssen resp. erzwingt sie schon der „Gegenstand“ selbst. Was dann, vorausgesetzt, das Gedicht ist gelungen, auch dessen innovativen Charakter mit ausmacht. Dabei muß der entstehende poetische Text/Raum von innerer Notwendigkeit bestimmt, in diesem Sinne wahrhaftig sein. Weiter und weiser sein als ich im Augenblick seiner Niederkunft … Ein Augenblick, der ja doch zumeist ein Prozeß ist. Und dies alles vollzieht sich im Unbedingten, in der Bedingungs­losigkeit, in der das Schreiben idealer­weise statthat.

Quelle: http://www.poetenladen.de/lyrik-konferenz-jayne-ann-igel.htm
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