Archive für den Monat: März, 2015

am morgen, als ich an der grabstelenpräsentation beim steinmetz vor ort entlang und dabei über einen block von rotem porphyr nachsann, der unbedingt eckig sein müßte, ohne krönenden bogen oder wellenschlag, wie ihn die meisten der stelen aufweisen, ein geöffnetes oder geschlossenes lebensbuch symbolisierend, unausweichlich der gedanke, daß letztlich alles einer endlichkeit zugedacht und jene kindliche gewißheit, alles währte fort und entwickelte sich zum besseren, längst perdue, wenn sie denn überhaupt noch in einem kindlichen wesen raum findet. Und ungewiß auch, ob irgendeine der institutionen, wie wir sie heute kennen, in hundert jahren noch existent sein wird. Ich weiß nicht, wann bei mir der umschlag erfolgt ist – bei kunert beispielsweise hat mich dieser sogen. kulturpessemistische zug früher (d.h. in den 70er jahren) gestört, insbesondere in seinen reisebüchern, in denen er virulent, und mir war, als ob ihm dies mitzuteilen wichtiger als das teilen von eindrücken …

alles für vielleicht hundert jahre nachexistenz – von meinen vorfahren ist niemand hundert geworden, hat keiner vorzeitig das leben verloren, wo. Der felder hatte es genug im jahrhundert. Großvater weltkrieg I: regimentswitze, kaisers bart, ein hydrant. Mutter weltkrieg II: tiefflieger, straßengräben, flaggenwechsel. Vater: breslau

lost generations, wir heben die gruben aus seit anbeginn, als gäbe es nichts anderes, nur dieses ausheben und auftürmen, als ob in diesem bild die ganze menschheitsgeschichte fassbar, und unter bestimmtem blickwinkel ist sie auch wahr. Aushub und aufbau, ein zyklisches, rhythmisiertes geschehen – aber allein damit leben könnte man nicht, obgleich gruben und halden vielerorts die textur der landschaft bilden, auch die jener, in der ich aufgewachsen …

[tagebuch, 26/VIII/1999]

nach vier schon wach, und mit mir die vögel. Im haus gegenüber, erster stock, noch immer jenes silbenlose computerbildschirm-licht vom abend zuvor, beinahe sphärisch, ein licht, in dem die wirklichkeit ihren abgleich findet, das gesicht des spieler-, chatter- oder junky-ich allmählich ausbleicht, erlischt, wenn die letzte kohle eingebüßt, das augenfunkeln, und nur ein flimmern bleibt, ein schatten an der wand, ohne tiefe, kontur …

dicke leben etwas länger heißt es – die lebensphilosophie, die eine des todes ist; lebensmittel, lebensversicherung, das lebkuchenherz in uns erweichend, lebensverlängernde maßnahmen, denen der tod schon innewohnt, als taktgeber, zeremonienmeister …

in den 60er jahren, als das textile taschentuch noch standard, woran heute möglicherweise viele nur mit ekel zu denken vermögen – wohin verzog sich all der schleim, der rotz? Allein dies – man gab sie in die kochwäsche, in den kessel auf dem herd der waschküche, in die weißlich-sämige lauge, die mich wiederum an flecke erinnerte, süßsauer bereitete innereien, durchaus köstlich, wenn gut abgeschmeckt, und auch standard, damals (die schul-, die großküche, aber auch daheim), köstlich diese allerweltsflecken in der soße, weiße flecken, so unverhofft auftauchend wie so manche auf den landkarten, der sud brachte zusammen, verschmolz, löschte aus –

die inszenierungen des ich-verlustes laufen zumeist unspektakulärer ab, als es in romanen oder filmen dargestellt: mit der ausnahme, die allgemeingültigkeit erlangt …

im dunkeln liegend, mit kopfschmerz, fensterwärts ein spatel licht, fadenscheinig – so sich das lid nur ein wenig senkt, bewegt, ist’s aus, als hätte jemand den schalter umgelegt, für immer …

nach sieben durch die heide, auf dem asphaltweg zur prießnitzbrücke, wo der belag krümelig, eher schon schotter, feinkörnig, zerknirscht sich gibt gegen ende des halbwinters – an mir vorbei der forstarbeiter motorisierter flottenverband, bringt den stämmen das fallen bei, braunfleckig deren stimmen, dies stimmlose s aus den untiefen der baumansiedlung …

rest vom traum, der sich auf einem parkplatz verfangen, einer versiegelten fläche, schwarzdecke, ausgeblichen, oder beton, und mir war, als entstände jegliche fläche im kopf – all das, was draußen davon zu sehen: kopfgeburten und nicht wirklich, aber realität – und daß es vor der konstituierung des mathematisch-utilistischen geistes keine flächen gegeben …