Archive für den Monat: August, 2015

der gesprochene Text, dem vielleicht noch eine andere Dimension eignet, im Hallraum …

die welt läßt einen benommen zurück

Traum (wie Dichtung) kann ein Mittel sein, verschüttete Bilder wieder „nach oben“ zu bringen, denn das Alltagsgedächtnis ruft zumeist Standards ab, Bilder von Situationen, Geschehen, die wir zu allererst zu erinnern vermögen. Und diese stets abrufbaren Bilder verdecken und überlagern andere Bilder, die auch damit in Zusammenhang stehen …

Poesie – im besten Fall Triebe ins Unerkundete, Unerkundbare, in eine andere Zeit hinein. Sie gleichen damit den Erkundungsgängen, von denen wir annehmen oder behaupten, es handele sich um ein sich Erinnern, Bewahren, Hervorholen von Abgesunkenem – doch diese Räume, Zeiträume, in denen etwas statt hatte, sind uns bestenfalls so vertraut wie enthoben, neuerdings zu etwas Erkundbaren, also Zukünftigen geworden. Nur daß wir das nicht wahrhaben wollen und all das, was geschehen, was wir durchlebt, als Abgelegtes, Entlegenes betrachten, und damit als sicher verwahrtes Gut (so, als ob wir darüber eine Versicherung abgeschlossen hätten). Und natürlich glauben wir daran, an die Konsistenz gewonnener Erfahrung …

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In Vorfreude auf Anne Seidels Debüt „Chlebnikow weint“, das in wenigen Tagen in der Reihe Neue Lyrik des Poetenladen erscheinen wird, hier ein Auszug aus meinem Nachwort:

„Meine Gedichte richten sich an tote Dichter“ sagt Anne Seidel im Gespräch. Und denkt beispielsweise an Chlebnikov, Charms … Dies auch im Bewußtsein um die verschüttete Kontinuität einer Moderne der russisch-sprachigen Lyrik ab den 1910er Jahren, die einen bedeutenden Einfluß auf die Literatur im Europa des 20. Jahrhunderts ausgeübt hat. Anne Seidel hat die russische Sprache nicht nur gelernt, sondern spricht sie auch, ist mit ihr unterwegs und übersetzt selbst gelegentlich Gedichte aus dem Russischen, so etwa Verse von Anna Achmatova oder Osip Mandel’štam. Sie beschäftigte sich schon damit, als sie die Sprache noch kaum beherrschte. Denn, wenn man die Sprache noch nicht so gut versteht, so Seidel, erschließen sich Bedeutungsebenen vom Klanglichen her. Wichtig für das eigene Schreiben sind ihr jedoch in gleicher Weise Anregungen, die sie über die Arbeiten zeitgenössischer Autoren wie Adam Zagajewski oder Genadij Ajgi (von letzterem stammt das Motto für diesen Gedichtband) erfährt. […]

Der Zyklus „Hygiene der Angst“ in der Mitte des Bandes widmet sich den Zäsuren in der russischen und sowjetischen Geschichte ab 1905, in deren Folge auch das System der Gulags entstanden ist. Der Gulag auf den Soloveckie ostrova, den Solovecki Inseln (auch Solovki Inseln genannt) im Weißen Meer gilt als das erste Straflager dieser Art, er diente als Vorbild für Aleksandr Solženicyns „Archipel Gulag“. Anne Seidel, die derzeit Slavistik und Osteuropäische Geschichte an der Universität Gießen studiert, ist nicht vor Ort gewesen, es handelt sich vielmehr um innere Bilder, mittels derer sie das Wesen, die Bedeutung dieser Stätten zu ergründen, Annäherung an die Orte sucht. Es mag etwas ungewöhnlich erscheinen, daß sich eine junge Autorin gerade dieser Thematik annimmt, und auf diese Weise. Sie läßt sich von Überlieferungen leiten und von den Bildern, Vorstellungen, Beunruhigungen, die diese bei ihr auslösen. Seidel arbeitet mit Wiederholungen und initiiert dabei irritierende Sinnverschiebungen, wie sie sich z.B. allein schon durch den Wechsel vom Präsenz in den Imperfekt bei fast wortgetreuer Wiedergabe einer Zeile in der nächsten Strophe ergeben können, ein Verfahren, das auch ein dekonstruktivistisches Moment in sich birgt und intensiver die Brüche wahrnehmbar zu machen vermag, als jeglicher Gegen-Satz (s. beispielsweise „Hygiene der Angst IV/V“).

In einem gewissen Sinne wirken Seidels Gedichte kryptisch. In ihrem assoziativen Verfahren gleichen Worte Schlaglichtern, die punktuell eine Szenerie erhellen oder aufscheinen lassen, osteuropäisch anmutende Kultur- und Stadtlandschaften etwa, wie es z.B. in dem bei aller Reduktion wunderbar atmosphärischen Gedicht „Sankt Petersburg“ zu beobachten ist. Eine zentrale Metapher bildet in einigen der Texte der Schnee, wiewohl er eher beiläufig in den Blick gerät. Den inneren Bilder eignet mitunter der Charakter einer Introspektion (Abwesenheiten VIII – in dir schneit es fabriken aus). Sie dienen zugleich als eine Art Reflexionsraum, in dem Gegenwärtiges und Vergangenes sich durchdringen, insbesondere die Texte des Zyklus „Abwesenheiten“ beziehen daraus ihre Intensität. […]

gedichte schreiben, das verblaßte fischelend am angelhaken, an einem dieser seen in mecklenburg, bäuchlings herausgezogen, was keinen sinn ergab, so in der frühe; sprach es vor mich hin, der wollte nicht verenden, zuckte nur mit dem kiemenbart, verdarb den vers, aus dem nichts folgen sollte; der schatten licht, reflektiert von den wassern, verlor sich, gleich dem perlmuttschimmer …