Traum (wie Dichtung) kann ein Mittel sein, verschüttete Bilder wieder „nach oben“ zu bringen, denn das Alltagsgedächtnis ruft zumeist Standards ab, Bilder von Situationen, Geschehen, die wir zu allererst zu erinnern vermögen. Und diese stets abrufbaren Bilder verdecken und überlagern andere Bilder, die auch damit in Zusammenhang stehen …

Poesie – im besten Fall Triebe ins Unerkundete, Unerkundbare, in eine andere Zeit hinein. Sie gleichen damit den Erkundungsgängen, von denen wir annehmen oder behaupten, es handele sich um ein sich Erinnern, Bewahren, Hervorholen von Abgesunkenem – doch diese Räume, Zeiträume, in denen etwas statt hatte, sind uns bestenfalls so vertraut wie enthoben, neuerdings zu etwas Erkundbaren, also Zukünftigen geworden. Nur daß wir das nicht wahrhaben wollen und all das, was geschehen, was wir durchlebt, als Abgelegtes, Entlegenes betrachten, und damit als sicher verwahrtes Gut (so, als ob wir darüber eine Versicherung abgeschlossen hätten). Und natürlich glauben wir daran, an die Konsistenz gewonnener Erfahrung …

In Gedanken an einen ersten, verworfenen Teil meiner Erzählung „Unerlaubte Entfernung“ taucht unvermittelt der Begriff Traumschutt auf. In den achtziger Jahren gab Christoph Tannert eine Gedichte-Graphik-Anthologie mit diesem Titel heraus, und ich erinnere mich, damals kaum Sympathien für die darüber vermittelte Dominanz der Negation gehegt zu haben, obgleich ich in dieser Sammlung vertreten war. Überhaupt störte und stört mich der oberflächliche Gebrauch des Traumbegriffs in jeglicher Beziehung. Vornehmlich wird der Traum mit etwas Schönem gleichsetzt oder assoziiert, das dann vielleicht noch mit Zukunftserwartung zu tun hat, die ja ebenfalls zumeist positiv konnotiert ist (sich die Zukunft auszumalen) … Wenn ich daran denke, wie dieser Begriff beispielsweise in Bezug auf die Vorstellungswelt der Aboriginals verwendet wird, zeigt sich ein weit komplexeres Bedeutungsgeflecht, das zunächst mit dem Traum als Schlaf- oder Halbwachphänomen wenig gemein hat, sich jedoch damit überschneidet. Insbesondere in der Spiegelung innerer Bilder, der Verbildlichung von Vorgängen, Orten, ihren Projektionen auf eine Bedeutungsebene, wo es um Gedächtnis, Erinnerung, Geschichte und deren Durchdringung geht. Im Zentrum der spirituellen Vorstellungen bei den Aboriginals stehen die Zeit der Schöpfung, die Geister der Vorfahren, ihre Pfade, hier manifestiert sich eine Gedenk- und Vergegenwärtigungskultur, ein Weltverständnis, mittels dessen auch traditionelles Wissen weitergegeben wird. Traum erscheint so als ein archaisches Moment, das in anderer Weise auch Freud und Jung, insbesondere aber letzterer, im Blick hatten, wenn sie von dessen Verbindung zum Un- und Unterbewußten sprachen, von Archetypen (Jung), einer Art Zeitreise in weitab gelegene Räume, in die Tiefenschichten kollektiver Erfahrungen.

Doch seit wann ist dieser oben genannte Verschleiß des Traumbegriffs beobachtbar, wann erfuhr er diese vordergründig positive Konnotation? Wann begann man vom Traum von einem besseren Leben zu sprechen? Und damit diesen Begriff zu nivellieren. Im Grimmschen Wörterbuch finden sich Nachweise, daß Goethe einer der ersten gewesen, der Träumen mit Wunscherfüllung verknüpfte, indem er von Wunschträumen schrieb. Das 18. und 19. Jahrhundert scheinen prägend für diese einschlägige Zuschreibung (in diesem Zusammenhang fällt auch der Name Friedrich von der Trenck), daran vermochten auch die aufkommende Psychoanalyse und Traumdeutung nichts zu ändern …

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