Die Thematik der „Berliner Tatsachen“, 2009 erschienen, eine Art negativer Entwicklungsroman en miniatur, in dem es um einen Helden geht, der sich zum Verschwinden bringen, verlieren möchte, geisterte mir schon länger durch den Kopf, schlug sich in Tagebuchnotizen wie folgenden nieder:

Das verschwinden, gelegentliche wiederauftauchen des zeitgenossen als metapher resp. in gestalt einer metapher – das grundthema eines neuen textes? Das verschwinden und wiederauftauchen in einer struktur, einem gefüge, in dieser verworfenen landschaft – dieser strang ein bruch der regel, regelmäßigkeit, das auftauchen an unvermuteter stelle (wie es im verworfenen verena-text subsummiert); geschichte unserer wanderungen, wandlungen, eine geistesgeschichte (in welcher intensität habe ich uns im aufbruch erlebt?!); zur gestalt der zukünftigen notierte ich: ein drachen an zu kurzer leine, der nur zu tänzeln vermag, hin- und hergerissen

[nach tageb. 17/I/2005]

Sätze aus den jahren 1997/98:

der erdboden gewinnt sein gedächtnis zurück …

Die nacht stirbt aus in den städten …

 

Wer danach strebt, zu überdauern, kann nur tot sein.

[tageb. 28/IV/2005]

 

die wachesten zeitgenossen werden, und das ist nicht neu, vorzugsweise als träumer bezeichnet, traumtänzer

[tageb. 02/VII/1982]

 

manchmal bereit gewesen zur selbstaufgabe, dieser zeitgenosse, in der ersten hälfte der 80er jahre; einmal hatte er seinen ausweis zerrissen, den personalausweis, am bayrischen platz, nahe des imbiß’ unter der kolonnade des neubaublocks, dessen verfertigung er einst beigewohnt (wie vorher dem abbruch der kriegsruine, einer rußgeschwärzten sandsteinfassade, das, was von der zeilenbebauung übriggeblieben war) – den ausweis zerrissen und die papierpartikel in den abfallkübel geworfen, der stand betonern da an der ecke und mußte kurz vorher geleert worden sein – der blaue einband des dokuments hielt den widerstrebenden kräften stand, einband samt transparenter plastehülle (plaste und elaste aus buna hatte eines der neonwerbebänder auf den dächern der ringbebauung gelautet), er warf ihn den partikeln nach, und sicherlich hat ihn am nächsten morgen, ausweis unkenntlich gemachter identität, irgendjemand wahrgenommen resp. dieses verräterische blau, das so eigen, mit dem untrügerischen wiedererkennungseffekt, und sich seinen eigenen reim drauf gemacht, was hier wohl nächtens geschehen … ihn sich möglicherweise gar eingesteckt, relikt staatsbürgerlicher existenz. Und auch der zeitgenosse schien schon in der nacht von einer unruhe: ob sich wohl einer der mühe unterziehen würde, das puzzle dieser existenz zusammenzufügen? Ihn auf die schliche kommen, die bude oder besser: pelle rücken würde, die er sich so energisch abgeschält … Sicher war, daß jemand ihn finden würde, ein archäologe betonener abfallkörbe – Was hatte da statt? Eine enthüllung, gleichsam (wie der dozent der praktischen theologie, von den säften pastoraler fürsorglichkeit und zuwendung aufgeschwemmt … zu sagen pflegte) – gleichsam aufgelöst hatte sich diese existenz, war in auflösung geraten … das blau mußte zu sehen sein, heraufschimmern vom grunde des behälters, wenn man ihn passierte und einen blick hineinwarf, und jeder, der es entdeckte, mußte sogleich wissen, was er vor sich hatte: ein so oder so vertanenes, verschleudertes leben – er hatte auf die frage eines passanten, was er denn vorstelle (ob der langen haare) geantwortet: möglicherweise ein engel, und fand es hernach nur konsequent, sich der papiere entledigt zu haben …

[nach tageb. 10/II/2005]

 

Wir zielen immer auf etwas, das jenseits unserer ermächtigung, abseits unserer zugriffsmöglichkeiten, etwas, das wir nur aus einer perspektive, der unsrigen, wahrzunehmen vermögen, immer auf etwas, das im jenseitigem gelegen, für das wir nicht einstehen können, es nicht vermögen oder wollen: es ist von unserer welt, lebenssphäre abgetrennt …

[tageb. 11/II/2005]

 

er wollte ihn von sich streifen, abstreifen, diesen körper, diese existenz, wie einst seinen ausweis – das war weniger schwer gewesen – sie abweisen, die noch nie von vorteil für ihn gewesen

[tageb. 22/VI/2005]

 

das wirkliche blau, das einem zur wirklichkeit ermannte, zu einer tatsächlich vorhandenen person, stammesmitglied, angehöriger der stammbelegschaft jener firma namens ddr, und der zeitgenosse, der es hatte kaum erwarten können, dieses staatspapier in die hand zu bekommen, das ansonsten nicht hoch im kurs stand, aber den einzelnen verpflichtete, sich selbst auszuweisen, aus der wirklichkeit, den zusammenhängen, dem lager, der übereinstimmungssucht

[tageb. 13/IX/2005]

 

Advertisements