„Die elfte These …“ Utopisches Nachdenken bei Wolfgang Hilbig lautete der Titel eines Podiumsgesprächs Anfang Juni in Leipzig, zu dem ich neben Helmut Böttiger (Literaturkritiker) und Stephan Pabst (Germanist) als Teilnehmerin geladen war  (09. Juni 2016 im Literaturhaus Leipzig). Vorbereitend machte ich mir Notizen, sowohl zu Utopien im Allgemeinen als auch zum Erscheinen utopischer Aspekte (oder deren Fehlen) in Hilbigs Texten. So ich mit Anderen über die bevorstehende Veranstaltung sprach, dominierte die Ansicht, bei diesem Dichter hätte man es doch eher mit Dystopien zu tun, dem Lebens- und Erfahrungshintergrund geschuldet, angesichts behaupteter Erfüllungsorte von Utopie. Und was ich in Hilbigs Texten beobachten konnte, war eine unverhohlene Skepsis gegenüber Utopien, deren Negation außerhalb der Sprache.

  • Das Bild des Fasan in Wolfgang Hilbigs Gedicht „episode“ (1977) als Aufscheinen eines Anderen inmitten der Verwüstung, Verheerung, als solches vom dichterischen Subjekt schwankend zwischen Ungläubigkeit, Ironie und Verzauberung wahrgenommen („ein clown“ – wie es im arbeiterlichen Kontext vielleicht nur gesehen werden konnte), als etwas Ausgefallenes, Abartiges, das sich in dieser lebensfeindlichen Umgebung artikulierte, mit Misstrauen beobachtet, die eigene Wahrnehmung dabei verfremdend, und doch zeitigt dieses Phänomen beim dichterischen Ich ein Erkennen – letzte Strophe:

    und als das kausale grinsen meines kopfes
    von energie und frost gefressen in die nacht verschwand
    glaubte ich nicht mehr an den untergang
    der wahrnehmungen in der finsternis
    .

    Hier ist von einem Geschehen die Rede, das zu beschreiben sich jegliche Metapher als untauglich erweist, insbesondere in ihrem Wirken auf den Zeugen dieser „Epiphanie“, und dies wird auch im Text reflektiert.

  • Im Gedicht „zwischen den paradiesen“, ein Jahr später entstanden, heißt es: „dodonische wälder zu erz zerknüllt/ hab ich verbrannt für dies gefürchtete eden/ wo gottes lange eifersucht mich lebend/ begraben wird mit wüsten wurzeln/ in einer sonne tot wie kohlenglut“.
  • Überhaupt sind es wohl mehr die Gedichte, in denen ab und an etwas anklingt, das man als utopisches Moment betrachten könnte, oder positiv grundierte Vision (siehe: „ihr habt mir ein haus gebaut“, aber, was die zu DDR-Zeit entstandenen Texte betrifft, auch immer als Absage an das Zukunftsversprechen der Staatspartei zu verstehen ist (siehe: „bitte“).
  • Die kurzen Erzählungen „Idylle“ und „Aufbrüche“ thematisieren Ausbruch aus dem Alltagsgefüge und Rückzug ins Private: in letzterer will das dichterische Ich alles zurücklassen, Hütte, Bücher …, um aufzubrechen, mit dem Boot den See zu überqueren, doch erweist sich als leck der Kahn.
  • Ein utopisches Element anderer Art erkennt Hilbig im Verschwinden, das den oder das Entschwundene zur Legende werden lässt, die nach Möglichkeit das, was es ausmachte, weiter trägt (Alte Abdeckerei).
  • In Bezug auf mythische Stoffe bei Fühmann und der Gebrüder Grimm äußert Hilbig in seiner Dankrede zum Grimm-Preis: „Vielmehr erkenne ich darin den tröstlichen Sinn, den das Dasein von Anonymität auch haben kann: den Glauben daran, daß in jedem Menschen natürliche geistige Quellen für ein Denken vorhanden sind, die eine Verständigung a priori ermöglichen.“ („Literatur als Dialog. Eine Rede“ in: „zwischen den paradiesen“, S. 200). Und an anderer Stelle: „Ebenso etwa existiert, ich glaube es, eine Sprache, welche die Sinngeschichte des Menschen zu erneuern vermag, die nur darauf wartet, ein weißes Buch (das ich auch einen Mythos nannte) zu füllen, obwohl alles schon gesagt scheint.“ („Der Mythos ist irdisch. Für Franz Fühmann zum 60. Geburtstag“ in: „zwischen den paradiesen“, S. 210).
  • In einem Aufsatz Thomas Beckermanns, des ehemaligen Lektors von Wolfgang Hilbig, der unter dem Titel „Eigenwillige Ankunft“ im Sammelband „Materialien zu Leben und Werk“ erschienen ist, heißt es in Bezug auf Hilbigs Naturbilder (etwa in den frühen Prosatexten „Aufbrüche“, „Idylle“ und „Bungalows“): „Für ihn ist die Natur – sind die Jahreszeiten, der Wald, das Wasser – der Gegensatz zur Stadt, zur Arbeit, zur menschlichen Ordnung und Gemeinschaft. Sie ist der Ort des Gedächtnisses einer archaischen Vergangenheit sowie das Bild einer strahlenden Zukunft und, jenseits aller realen Bedrohungen, der Freiheit einer grenzenlosen Bewegung“ (S. 112). Und zum „mit sich eins werden“ resp. sein, das durch diese grenzenlose Bewegung ermöglicht wird, jenseits aller sozialen Normierung, heißt es weiter: „Das Einssein aber bleibt Utopie, kann nicht und niemals erreicht werden. In immer neuen Variationen schreibt sich Wolfgang Hilbig heran an das abwesende Ganze (das gilt, besonders in der späteren Prosa, auch für den abwesenden Sozialismus)“ (S. 112).
  • Hilbig beschäftigten Fragen der Identität, der Geschlechterrollen (was letztere betrifft s. auch Irmtraud Morgner und Helga Königsdorf, Margarethe Atwood), Arbeiterklasse, Arbeiter – diese Klasse, in deren Namen eine Partei ihren Führungsanspruch konstituierte, während die Klasse selbst, relativ immun gegenüber der Ideologie der Staatspartei, sich zumeist in Schweigen übte (s. Essai „Die Arbeiter“ von 1975, s. „Der Brief“, s.a.  Die Weiber).
  • In seinen Poetikvorlesungen 1995 („Abriss der Kritik“) thematisiert Hilbig das Fehlen unbequemer, widerständiger Ansätze in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur (die ja auch eine Voraussetzung für Gesellschaftsentwürfe), er fragt, warum z.B. niemand gegen die Mehrheitsmeinung (hier nennt er als Beispiel die Auswüchse der Autogesellschaft) anschreibt, wie es etwa die Angehörigen der Gruppe 47 praktiziert haben (S. 93/94). Es finden sich Sätze wie diese: „Die unwägbare Möglichkeit, zu scheitern, entbindet mich im Prinzip von der Verpflichtung, einen Zweck zu verfolgen, der nicht scheitern darf“ (S. 99). „Sätze, die nur im Gehirn bleiben, sind verlorene Sätze“ (S. 106). Zu Tolstoi, der von verfehlten und überflüssigen Büchern sprach: „Es kann sein, daß er mit den überflüssigen Büchern jene meinte, die nicht auf eine Zukunft hinweisen“ (S. 105).
  • 11. These über Feuerbach: In dieser Anfang der 90er Jahre entstandenen Erzählung verhandelt Hilbig im Kern die Unmöglichkeit jeglicher Utopie (s. S. 338 – 340) d.h. auch die Unmöglichkeit ihrer Verwirklichung, denn an einer Stelle heißt es: „Die Utopie in ihrer endlichen Verwirklichung wäre ein Staat ohne Negation … und damit ein Staat ohne Sprache“ (S. 337). Die Erzählung versteht sich als Absage – ein utopisches Element eignet indes der Sprache und dem zur Sprache bringen. Essentiell erscheint ihm die Möglichkeit der Verneinung. Diese Erzählung mit ironischen Brüchen ist vor dem Hintergrund der damaligen Verkündung des Endes der Geschichte und jeglicher Utopie zu sehen. Am Anfang des Textes wird die Ausräumung all dessen, was als Einlösung der Vision von sozialer Gerechtigkeit und einem besseren Leben erachtet worden war, thematisiert (Gebäudeabbrüche, Entkernung, Ausschachtungsarbeiten …). Später geraten die neuen Tankstellen in den Blick, im gleisenden Licht, im Irgend-Nirgendwo errichtet, menschenleer, Verkörperung einer neuen Vision, der des kapitalistischen Betriebs – Hilbig schreibt: „Die Beleuchtung der Tankstation erzeugte einen fast schattenlosen, aus der Wirklichkeit scharf ausgegrenzten Lichtraum, in dem man von außerhalb wie in das architektonische Beispiel eines noch fernen Jahrtausends schaute“ (S. 330); die Frage, was der Ort M. eigentlich symbolisiert – je weiter sie in die Provinz vorstoßen, desto unübersichtlicher, enger die Straßen, kaum Licht, es ist eine Fahrt zu den Wurzeln, in die Vergangenheit, Sprachlosigkeit, und man hat den Eindruck, daß sie schon beinahe verschüttet, und zum andern verkörpert diese Gegend der Tagebaue, Restlöcher, entseelten Dorfflecken und aufgelassenen Betriebsstätten auch ein Stück Nirgendwo. Hilbig spricht von einer „sprachlosen Landschaft“ (S. 336). Im Wagen das Sinnieren über das Thema der Konferenz, an der er teilnehmen soll, irgendwas mit Utopie oder Zukunft: „Man wollte über die Zukunft des utopischen Gedankens verhandeln … über eine Utopie des utopischen Gedankens, wie er spöttisch bei sich bemerkte“ (S. 328).

 

Literatur: Wolfgang Hilbig: Erzählungen. Frankfurt, Fischer Taschenbuch Verlag, 1997.

Wolfgang Hilbig: Abriß der Kritik. Frankfurter Poetikvorlesungen. S. Fischer, Collection S. Fischer, Bd. 83, 1995.

Wolfgang Hilbig: Zwischen den Paradiesen. Prosa Lyrik. Leipzig: Reclam Leipzig Verlag, 1992.

Wolfgang Hilbig: Materialien zu Leben und Werk. Hrsg. Uwe Wittstock. Frankfurt: Fischer Taschenbuch Verlag, 1994.

 

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