In Kürze wird Róža Domašcynas neuer Band mit dem Titel „Die dörfer unter wasser sind in deinem kopf beredt” in der Reihe Neue Lyrik des Poetenladen Verlags erscheinen, hier ein Auszug aus meinem Nachwort:

Zeitig entwickelte die Autorin aber auch einen ausgeprägten Sinn für die Sprachvielfalt, die Dialekte in der Region. Die Sprachen eröffneten ihr die Möglichkeit, sich zu verorten, zu bewegen, zu orientieren, sie sind nicht nur Kommunikationsmittel, sondern schaffen Raum. Die im Gebiet von Delany lebenden Sorben sprechen anders als die aus der Gegend um Crostwitz, von Dorf zu Dorf sind Abwandlungen und Sinnverschiebungen zu entdecken, die sich auch in Róža Domašcynas Texten niederschlagen. Sie arbeitet bewußt damit, vermischt gelegentlich Sprachen und Dialekte, wechselt zwischen ihnen, ab und an entstehen dabei neue Worte oder Wortgefüge.

 

Ihre Großeltern (insbesondere die Großmutter der väterlichen Linie, die im sorbischen Sprachraum eine bekannte Märchenerzählerin gewesen ist) und ihre Mutter, noch stark den Traditionen verbunden, waren die ersten, die Róža Domašcyna mit der Geschichte, mit Erzählungen, Sagen und Mythen der Sorben vertraut gemacht haben. Im vorliegenden Band sind eine Reihe von Texten zu entdecken, in denen sie eher summarisch Herkunft und Kindheit reflektiert (“Alle deine tage tragen schilder”) oder das dichterische Ich sich mit dem Dasein der mittel- und unmittelbaren Vorfahren in Beziehung setzt und dabei überkommene Zuschreibungen hinterfragt. Besonders berührend sind die Gedichte, in denen sie die Mutter in ihrer letzten  Lebenszeit begleitet (z.B. “Schön zu sehen”). Frühe Anregungen für die Beschäftigung mit Literatur und das eigene Schreiben verdankt sie auch der Lektüre der Gedichte ihres Onkels Jurij Khěžka (1917-1944), mit denen die Moderne Einzug in die sorbische Dichtung hielt und von denen sie in den zurückliegenden Jahren etliche neu ins Deutsche übertragen sollte. In ihrer Arbeit läßt sie sich immer wieder von Texten verstorbener wie zeitgenössischer Dichterinnen und Dichter inspirieren, vorzugsweise (jedoch nicht ausschließlich) aus dem sorbischen resp. slawischen Sprachraum, wie etwa Zlatko Krasni und Dragoslav Dedović (Serbien), Anna Achmatowa (Rußland) oder Mariusz Grzebalski und Tadeusz Peiper (Polen). Die “Variationen zum grünen zet” beispielsweise, die in ihren früheren Bänden zu finden sind und eine Reaktion auf Jurij Khěžkas Gedicht “Das grüne Gej” darstellen, zeugen davon. Róža Domašcyna lebt in und mit diesem Sprachkosmos, was sich auch anhand ihrer Nachdichtungen aus dem Sorbischen (z.B. Khěžka) Slowakischen (Ján Zambor), Tschechischen (Karel Hynek Màcha) u.a. slawischen Sprachen nachvollziehen läßt.

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