Archive für den Monat: Januar, 2019

unterm schütteren weiß dies lindgrün eines stillgelebten rasens, ich beobachte tote natur, das uns überkommene, nein – nicht in der anmut, den rebus zu entschlüsseln, eher wie ein kleriker, der vom glauben abgefallen und es sich nur noch nicht eingestehen mag; das unbelebte lässt mich an die künstlichen ruinen der romantik denken, zitate einer vorzeit, nach der man sich nicht sehnte –

wenn du zum händler vom mond, die eiserne stiege hinauf, immer nur einzeln vorgelassen, ans fenster tratst, bekamst du vielleicht eine scheibe davon, abgeschrieben deinem konto, von dem du nie einen pfennig besessen –

warst je so auf wanderschaft wie das eis der gletscher, in unmerklicher drift, ein sich versehren, aufgeben, hast dich verloren an etwas, das du nicht kennst, während die arktis immer tiefer in den osten zieht, von jahr zu jahr, wirst dich orientieren müssen –

 

 

*Titel eines Gedichts von Rainer R. Mueller

machst den hals lang im wagen, hinterm lenkrad, als wärst du eine giraffe, die mit dem kopf knapp unter der decke, schaust raus, nach links, auf part two deines lebens –

für Ulf Großmann

krähen jagen an der loggia vorbei, morgens, über das gefrorene, es ist kalt und vom notat auf einer seite im gedichtband des kollegen nicht mehr geblieben als ein schwarzer fleck, graphithauch, nichts haltbares, das erinnerlich von dem, was ich schrieb und warum, von den rändern der nacht, die gratig in den schlaf starren, meinen schlaf, den vielfach verbrochenen; nacht, das bedeutet keramik, deren  kühle den körper durchzieht, das hocken und warten vor der zeit – ist man schon tot oder nur gegangen, was macht den unterschied –

nachher werde ich verstehen, vielleicht, und schreiben, welcher zeit hinterher, wem, wo es doch keinen trifft, über die zaunkrone vom nachbargrundstück gleitet eine mütze dahin, rot, der ich mit blicken folge, nachher oder später sage ich, nie –

die nacht kommt auf den zungen*, niemals weiß, im winter, niemals gewandet in schnee, braun tönt es draußen, von der laternen macht, observierend jegliches kehlchen, was da lautet, rot, versonnen oder so, im sprechdickicht sich verheddert – sprechertag hast du, sprechertag heute, die luke zum tönen geöffnet, im raumschiff, das dich versettet, aus dem kalender, dich eindriftet ins jetzt –

 

*erste zeile des gedichts „tönen“ von rainer r. mueller aus dem band „poemes_poetra“, roughbook 34, s. 41

mir ist bang vor diesem wetter, das schon wochenlang, vor den erscheinungen der sorge im vokabular der nach-, der vorfahren, jener, die uns voraus, die wir nicht mehr erleben werden, von denen wir zu wissen glauben – es ist so eine sache mit dem glauben, der schnee schmilzt, die gletscher gehen dahin, mit ihnen die kunde davon, wie es war, dereinst –

*Titel: Rainer R. Mueller

in den spiegel kippen, im schlafzimmer, in viele teile zersplittern, in diesem flügelaltar mutters, vor dem die flakons aufgereiht, mit den gerüchen von nächten, die mich nicht geboren, die sich vollzogen hatten, so nannte man das, hier neben der vollzugsanstalt, ich hatte es gewusst, jedes wort wie ein verrat  –

 

„die Spiegelkippe“ (Rainer R. Mueller in „Hagelbergerstraße“, roughbooks 34, S. 44)