Archive für den Monat: Mai, 2019

die glucke glück brütet nicht mehr, und bildeten wir uns ein, wie sie hockte, allein unserem wohlsein ein gefallen – ich spüre sie noch, die wärme an der stelle –

ich setz mir eine mütze auf und lande wo, ohne absicht, hör das qietschen der abraumbagger, gleich einem möwenruf in der nacht, schlaf bei offenem fenster mich wach, seh die erde von hinten, als ob sie der mond –

stiefvater, stiefmutter, stiefkind, so klingts in den ohren, tief im winter, and the moon coloured all this singt es, wir mit unserer stiefnatur, wir lächeln nur, es mutet an wie der zwang, an etwas zu glauben, das man nicht kennt – stiefnatur, ich habe nie stiefel besessen, nur einmal welche tragen müssen, in einem anderen leben –

ansonsten desolat, in der kombüse, nachts, tags. Stellt mir eine diagnose, endlich, unverfänglich, beschwerdelos, ich bitte um ein zeugnis, das glaubhaft, in der schwerelosigkeit, hier, wo niemand daran glaubt, es allerdings bald wird müssen, nein, nicht an den koran oder mariä auferstehung, an die segnungen der talfahrt oder den schutzverband für wertpapierbesitz, tresore schützen nicht vor dem verhängnis, das wurde uns schon subkutan gespritzt, die kurse fallen, sobald die meeresspiegel steigen, kurzfristig, bis wir völlig abgekommen vom kurs –

eine, die im satzbau beschäftigt, könnte ich schreiben, das klingt nach würde, gemahnt an grund und boden, an baugewerbe eher nicht, vielmehr an die anmutung von schächten und stollen, was familiärem hintergrund geschuldet, dem bergbau, den halden, die er im revier hervorgebracht, eingefahren in der hölle höhlung, um das gestein zu brechen, im wortverhau, der onkel, der glanz von dieser wortklauberei fand sich in der glasvitrine, ein meister in strebwerkbau und stollenvortrieb; treiben und streben, eine verwandschaft, die mir so noch nie aufgefallen –

immer die milchstrasse entlang, du wirst schon sehen, wohin das führt, über berge kann man gehen, so sie zugänglich, und nicht jenseits der gletscher, die ausgedorrt, hinterm erwartungshorizont, niederschlag war gestern, frost, zornesröte, helle ernüchterung –

Es erschien so unverfänglich, sich in der schule mit den klassikern der literatur zu befassen. Der blick auf die texte war ein historisierender, man lernte gedichte wie schillers „handschuh“ auswendig und interpretierte die geschichte, die dieses gedicht erzählt, in längst überwundene verhältnisse hinein. Wer begriff schon die explosive wirkung des anspruchs auf würde seitens eines menschen von niederen rang, wie er sich im „handschuh“ formuliert? Wer begriff schon, dass das mit einem machtgefälle zu tun hat, verpackt in den begriff von galanterie, das auch in der sich sozialistisch definierenden gesellschaft strukturbildend sein sollte?

Wir vermochten ein opfer, wie es von den liebenden in kabale und liebe im sinne des klassengeists resp. der klassenschranken gebracht, aus unserem kontext heraus kaum nachzuvollziehen. Oder doch nur, wenn man das allgemeingültige hinter den vorgängen auf der bühne übersetzte, herausfilterte, sichtbar machte. Den allgemeingültigen charakter von haltungen, handlungen, einer gesellschaftlichen konstitution, disposition, sozialer beziehungen, abhängigkeiten … Die allgemeingültigkeit solcher topoi wie macht, interessen, sozialer status, reputation, verrat, vertrauen, korruption … Sie stellen die bezüge her, bilden den bedingungsrahmen, weil sie selbst zeitlos sind d.h. zu jeder zeit den erfahrungshintergrund zu stiften in der lage. Klassenschranken indes waren uns nicht mehr vorstellbar, hier, es sei denn, man hätte sich das geschehen in eine ost-west-beziehung übersetzen, auf den hintergrund einer solchen beziehung projizieren können, so wie es braun nur jahre später mit seiner unvollendeten geschichte praktiziert hat. Nur lag anfang der 70er jahre, trotz einer anderen leseerfahrung, der des geteilten himmels von christa wolf, eine solcher bezug außerhalb meiner vorstellung … und selbst der tod eines gewissen edgar an einer weiteren gesellschaftlichen grenze, der der akzeptanz, selbst sein scheitern ob der ausgrenzung, auch der selbst verantworteten, vermochte meine gedanken nicht auf eine gegenwartsbezogene ebene zu lenken. Um zu fragen, welchen sinn dieses opfer gehabt haben mag. Letztlich der frage nach der sinngebung nachzugehen, die es im moment seiner literarischen rezeption erhält. Wenn ich zu jener zeit überhaupt noch einen gedanken auf dieses trauerspiel verwandte, obgleich mir das gebrachte opfer von anfang an unsinnig, sinnlos erschienen, ungerecht, und es schon deshalb irgendwie in der erinnerung geblieben war … Das kind hatte sich ob der offensichtlichen ungerechtigkeit empört, im eigenen rechtsempfinden gestört gesehen, weil es nicht begreifen konnte, warum sie sich auf diese selbstopferung eingelassen, es überhaupt erst im nachhinein zu einer richtigstellung kommen konnte – das hatte das kind, so lange der stoff durchgenommen, immer wieder aufs neue geplagt …

Daß heutzutage eine art gegenaufklärung statthat, in gestalt von ideologemen, wie sie vertreter*innen neoliberaler positionen betreiben, eine gegenaufklärung, die in alle ebenen der gesellschaft hineinwirkt, den aktuellen mainstream darstellt und bestrebt ist, machtverhältnisse zu verschleiern und zu anonymisieren, statt sie bloß zu legen, stellt eine gefährdung der demokratischen verfasstheit dar. Eine solche entwicklung, während doch schiller, den wir als klassiker ehren, einer von denen gewesen, die alles daran gaben, diese verhältnisse, auch die im binnenraum oberer und aufstrebender schichten transparent zu machen. Wo bleibt der aufklärerische geist eines schiller in einer zeit, in der nicht nur eine loyale einstellung zum grundgesetz zu gebote steht, sondern quasi ein glaubensbekenntnis zum kapitalistisch verfaßten gesellschaftswesen, das, wie so eindrücklich vermittelt wird, nun wirklich ohne alternative sei …

ich sehe sie jeden tag, mir ist, als handele es sich um eine wiedergängerin meiner mutter, dasselbe falbe gesicht, die zeit der sonnenbräune längst passé, hellgraue jacke, fast weiß, eins mit dem haar, das schütter, in dem jede kaltwelle verebbt – ich seh sie die strasse hinabgehen, bin versucht, sie anzusprechen, doch dann forderte ich womöglich das unglück heraus. Zuerst verlor mutter die farben ihrer kleider, später die der mäntel und jacken, der haare, schließlich die farbe ihres gesichts, gartengängerin, die sie gewesen, wählte sie die tarnung des fischs –

sie stiegen dem verrätermond nach, der sein fahles licht vorausschickte, der falsche ort für schatten, sagten sie, der falsche für eine lektüre, was hier gedeiht, ist höchstens jägerlatein, unten, wo die stände aufgebaut, man kalte füße bekommt, während der blick übers gelände geht, in dem das strauchwerk geschleift, da verfängt sich nichts, es sei denn, dass etwelche schatten hochverrat begehen, in diesem land sieht man nicht fern, sondern fährt fort und meint: in gewissen dingen, gelegentlich parkt der wagen des jagdpächters am rande der gemarkung, ab und an bündelt sich das streulicht in der linse seines feldstechers, was kommt –

wir reden vom sterben in würde, die zeit dafür wird eng, oder endlich
während die katze immer ums haus streift, nächtens, den tierkreiszeichen
nach, und sanft spüren wir der schnecken schärpen zwischen den zehen

abgeführt, bürger, sie werden abgeführt, da nützt auch keine versicherung
was, in die sie einzuzahlen gedachten, aber das haben sie ja nicht einmal
sondern sich darauf verlassen, dass das kapital …

an der bezahlschranke kommst du nicht durch, mit dem buckel
nicht darunter, nicht darüber hinweg, dir fehlt der glaube
ihn zurücklassen zu können –