Archive für den Monat: Mai, 2020
20200509_051714brennnesseln schon, auf dem gelände, alles wird dichter, nimm es spiegelverkehrt, dein lehen, es sind zeiten, in denen manche beginnen durchzudrehen, sie gehen immer zu zweit und sagen beide dasselbe, im märchenwald der konsumtion, schieben den einkaufswagen zum parkplatz, leer –

die unbeugsamen der kindheit, weitgehend aus dem leben verschwunden, blitzfänger nannten wir sie, kein baum zum besteigen, unbeugsam in ihrer einsamkeitshaft, mal zwei oder drei zusammen, öfters nur eine, wie bei uns im wäldchen, überragte alles, schlug nie der blitz ein, der schlug dem apfelbaum an der ecke einen ast ab, man hörte es krachen und schlief wieder ein, die pappel am morgen wie ehedem, vom küchenfenster her, hier war nichts unheimlich, hier im revier fortwährenden lichts von der haftanstalt nebenan, wo höchstens die schatten durchbrannten, fort, immer fort und ihnen nach –

wir leihen der zukunft ein lied, sagen dann, oder es wird, künfteln davon, gehen mit sich allein durchs laub, nass von letzten niederschlägen, der rede, du legst den stummschalter um, folgst den lippenbewegungen, die nicht synchron mit dem, was dir durch den kopf geht, das alles passiert hinter der glasscheibe, in der du den schatten deiner selbst zu sehen meinst –

dieses abzirkeln von schritten, auslaunen des frusts, nicht ganz haltlos, doch in fahrt, immer öfter, das bremslicht lügt nicht, besser, in solchen augenblicken nicht zu sprechen, klaglos sagt wer, meint fraglos hinnehmen aufnehmen, zunehmen an gewicht, dieser tage, schlägt der zeiger aus auf jeder waage, holst dich wieder ein, vormittags, verschweigst dich ins nahe nadelwäldchen, wo die kissen weich –

die jahre im abklingbecken, du vernimmst ihr klicken und magst nur noch abschiede geben, von job, vorstand und rentenkasse, blickst nächtens in den hof, auf dies irrlichtern der beunruhigungsmelder in den nachbargrundstücken – ist das die rebellion? Du gehst zu bett, legst dich auf die seite, jene mit dem ohr, mit dem du noch besser hören kannst –

dies traumleben in o’berlin, dort wartete eine wohnung auf dich, hinterhaus, durchs flurfensterchen blick bis mitte; vater, den du in der sächsischen provinz wähntest, entdecktest du auf dem gang eines neubaublocks an der leninallee, für mutter legtest du kränze ab, auf der ruhestätte der samariter – dies von alsob-leben nur so durchschossene berlin, dies von den karrieren, den wunschkarren hergezogener durchbebte berlin, das ziehen von stätte zu stätte, von denen jede bedeutung hatte, kein ankerplatz, was fürs unruheleben (bis nach wilhelmsruh kamst du nie), in zügen, der nicht endenden kette von s-bahnwaggons in ihrem melancholischen ton, dem klang der durchgangsbahnhöfe: zug endet hier, kurzzügen ins herz der trichterspinne, das wo morste: lass mich dieser stadt ledig sein, lass mich ihren schmerz verwalten, jäh stockender straßenzüge mit narren in kampfanzügen, die dich stellten, so du lachtest, an der falschen stelle, lachsalven in schöneweide, adlershof oder baumschulenweg, wo du nur einmal in deinem wegwärtsleben ausgestiegen, etappe im treppenhaus einer mietskaserne, auf wächsernem grund, absätze einziehend, das leben verharren –

ein halbes Jahr lang oder länger verließ ich den Zug immer am Flughafen Schönefeld, nahm den Bus nach Rudow, um durchs Mark ins Bein zu gelangen, mit der U-Bahn durch West-Berlin in den Osten. Ich war die ohne Passierschein, ohne gültige Papiere, was niemand auffiel, an einer der vielen neuen Kontrollstellen, die binnen weniger Wochen entstanden waren, nicht mehr als Mauerdurchbrüche, und wenn ich mich die ersten Meter auf östlicher Seite bewegte, wusste ich oft nicht, wo ich mich befand …

[06/III/2019]