Archive für den Monat: Juni, 2020

manche schwenken ihre einkaufsbeutel, gleich foucaultschen pendeln, auf dem wege zum markt, was da ausschlägt, scheint nichts als harm, die leute von der real-treu (keine versicherungen, keine haustürgeschäfte) packen ihr grünflächen-equipment in den transporter, genug gestutzt heute, übern tag, was da noch keck empor, des rasens räude –

der mohn ist aus, was uns noch bleibt, sind immortellen, die eine oder andere faule stelle im universum; am morgen sahst du in gärten erste kirschen verbluten, der nachbar kehrte auf der strasse die scherben der stimmen von letzter nacht zusammen –

20200608_090410 (2)dreimal des nachts dem mond ins blasse angesicht gesehen, face to face, zwischen den kronen der kiefern hindurch, das licht fahl (ich denke dabei oft an pfahl, dem licht eignet so was, es ist ein leichtes, von ihm gepfählt zu werden, versteinert, in eine ecke, an die wand gedrückt, du oder der schatten, dem du anhaftest, deinem schatten, der sich fraglos irgendwo hin-, den geplätteten gibt, platte attitüde, des schattens biographie ist lang, und du kennst sie nicht inwendig, weißt nicht, was er hinter deinem rücken treibt, du bist es leid, ihn vor dich herzutragen als flagge deiner selbst, magst dich nicht mehr abwenden von dem, was im kommen geht, oder anders herum, und seinem pulsieren unterm kunstlicht der laternen an der straße, züngelndes grauschwarzes flämmchen –

das war mal, ungedulds reisender wiederkehr: erst apolda? Wie lange noch, nicht: wie weit, einzuheimen in die tieflandsbucht (deren wolkenbänke du aus der ferne dir zuweilen als gebirge eingebildet, während raunend die berge im rücken), wo die bucht eine bande gören, die in die stadtsprachen einfielen und sich am wasser der pumpbrunnen labten, an diesem gewässer für notfälle, vorm thüringer hof, erinnert sich wer, in dem die zirkel abgesperrter reviere legendär, hier waren wir wer, bedient schon, doch ohne gabe, die schritte der kellner ferngelenkt, zu spät aus der richtung, zu spät jene station namens apolda passiert, kurz vor der sperrstunde, schon oder erst, was hättest du finden können, wärest du ausgestiegen, selbstvergessen, dich verlassend auf sich selbst –

 

* angeregt von Richard Pietraß‘ Gedicht „Apolda! Apolda!“ (aus dem Band Spielball, 1987)

es dunkelte, morgens nach sechs, und folgte ein weicher durchdringender regen, aus wolken, die kaum konturiert, eher gleich schwaden nebels … der morgen dunkelt, könnte man schreiben, schon in der heide, und so weiter, was ein ander lied, und den wassern folgen, abschüssige flächen, den rinnstein entlang, kurze zeit diesem rauschen, das etwas beruhigendes hat, dessen baldiges nachlassen einen enttäuscht, man wünschte sich eine stunde lang nur fortgetragen zu werden vom strom, an gewicht zu verlieren, es zu vergessen im dahinschnellen –

[es dunkelt schon in der heide – dies volkslied, dessen ursprünge in das 15./ 16. jahrhundert zurückreichen und das in etlichen varianten überliefert ist, geht mir seit dem morgen nicht aus dem sinn. Ein lied mit brüchen, wendungen, kontrasten, etwa wenn von rosen zu vernehmen ist, von klee, und unvermittelt eine strophe darauf vom tiefen schnee zu frankfurt. Das erzeugt eine gespanntheit und poetisierte athmosphäre, beginnend mit zeilen drei und vier der ersten strophe: Wir haben das Korn geschnitten/ mit unserm blanken Schwert. Wir hören von einer uneingelöst bleibenden liebe (oder auch einer brutal vollzogenen, auf die einige deutungen hinweisen), und gleichzeitig schwingt für mich der kontext von kriegserfahrungen mit, von kriegen, die so zahlreich gewesen, in denen so manche und mancher sein lieb verloren, wie die unschuld, auch so lässt es sich interpretieren, durch oder über die zeiten hinweg, in denen das lied immer wieder erinnert, gesungen worden ist, bis ins 20. jahrhundert. Da sehen wir die blüten in der abenddämmerung und diesen zerstörerischen furor, der zwei nicht zueinander finden lässt, auf wegen, die unpassierbar, lebenswegen, die in verschiedene richtungen weisen und dann nicht mehr zu „halten“ vermögen, nicht mehr „gang-“ oder „lebbar“ erscheinen …]

die sterne verschwinden wieder, nach und nach, alles, was zum vorschein gekommen, die milchstraße im irdischen schweiß, nährt keinen traum mehr, vom anderssein, nur dort dort, was folgt, sind orte ohne nummer, ohne mittelpunkt, und was leuchtet, verglimmt hinterm schleier, es lohnt nicht, ihn zu lüften, ein ums andere mal, um zurück zu fallen, ins ätherische rauschen, salzlicht von nächten –