Archive für den Monat: März, 2021

schaust aus dem fenster im gemäuer, ein geschwür, so entzündlich, verräterisch, der schurz des hauses, und sprichst nicht von blickfang oder gardinen/ trägst schwer am ungesehenem, ziehst es vor, sie vorzuziehen, keine predigt, die gewichtiger als dieser innenraum-ton, der sich im doppelfenster verfängt –

einzäunen, säumen, grundstücke felder wälder wege, die naht gerade gezogen, grenzerfahren, diese linie, die ungehöriges aneinander-, ja was/ dort ist die nahtstelle, nicht zu übersehen, gleich einer schweißnaht, es sei denn, sie verschwindet unter schichten von lack/ säume wiederum erscheinen sanft, übertretbar ernst, stiften übergänge, säumte nicht der fuß –

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inspiriert von Daniela Danz‘ Gedicht „Und wieder ansetzen“ aus dem Gedichtband V, Wallstein, 2014

liegst nicht mehr in träumen wach, lang liegst du wach und folgst dem widerschein von lichtern an der decke/ diesen süßen schmerz, von dem einst die rede, ortest du jenseits des gaumens, in der kehle –

alleinig der körper/ setzte sie über den fluß, wie oft, mit wem, im anhänger des trolleybusses etwa, und sah es unten funkeln/ die fahrten mit dem a-bus, zunächst gelegentlich, unterwegs mit oder zu einem schulfreund, der in den meyerschen häusern wohnte, die fahrt über jene brücke mit den steinbalustraden am schleußiger weg, die mitte der sechziger stillgelegt und durch einen neubau dicht anbei ersetzt werden sollte, im spitzen winkel – wenn sie später die stelle passierte, was ab den siebzigern häufiger der fall, in die eine oder andere richtung, per bus oder rad, ging der blick immer auf dieses übergebliebene, etwas tiefer gelegen, und ihr schien, als führte es in abdriftendes gelände/ von ost nach west und umgekehrt mit dem a-bus, von ostplatz bis bayrischer platz oder weiter, während des studiums mit einem manuskript bis ins zerfahrene innere von plagwitz, hatte sich was/ alphabetisiert durch die fahrten mit dem d-bus von frühester kindheit an, jenem, der zwischen den lehrstätten schule und bezirksnervenheilanstalt pendelte, ohne zwischenhalt, und keine ahnung, ob es auch einen b-, c– und weitere busse im alphabet hatte, in der stadt, die ein revier der straßenbahn –

schneeverse morgens, reste nahe eines strauchs, versprengte so wie wir, obgleich in räumen geballt, zufluchten, uns verlierend an ein gegenüber, das dem eigenen abbild gleicht/ das schließen und öffnen des mundes, der fische sprache –

mutter/ schneist herein mit deinem haar, die fenster gehn nach vorne raus, vorn ist für dich der hof, auf dem die wagen parken, dahinter übt sich eine gruppe von bäumen in selbsterhaltung, kiefern, ahorn, eichen, und halb so hoch die buchenhecke, die ihr blattwerk den winter über aufträgt, so man sie lässt/ andere würden behaupten, dass wir nach hinten raus wohnen, wo die gardinen vorgezogen, doch du weist mit dem finger immer zum selben fenster, ganz gleich, ob du norden, süden oder westen meinst, und irrst dich in dieser sache nie/ schneist herein, mutter, du gehörtest zu den entschlossenen, nach kriegsende, hast im jugendchor vom rotgardistenblut gesungen, verbissen, schmecktest vielleicht das blut auf den lippen, zogst die fotographien aus dem album, das verborgen im schrank, unter so viel gliedern –

schaust in deine altblattsammlung, im restwald morgens, da, wo die stämme dicht an dicht, siehst, was zu überdauern in der lage, eiche, buche, ahorn vielleicht, sinnst über den horizont nach, was dir noch bleibt –

zunächst war die fremde, aus der kehrte sie nach einem jahr heim, ohne begriff davon, was es bedeutete. Die familie oder das zuhause schien ein ort, dem zu entsagen sie wenig mühe hatte. Wenn das nicht eine selbst erfundene legende ist, dachte sie, denn sie fühlte sich aufgehoben, nur erschien ihr das losgehen denkbar einfach. Fort von dieser familie, in der es so viele abgründe gegeben, vor 45, nach 45, vor 61, danach, abgründe, über die man sich zu hangeln hatte, ohne oder mit alphabet, verborgen unter stößen von papier oder in winkeln in der bodenkammer, all die unerlösten vorleben, die deren inhaber längst überdauert –

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Ursprungstext:
Die Fremde war zuerst, aus der kehrte ich nach einem Jahr heim, ohne Begriff davon, was es bedeutet. Die Familie oder das Zuhause schien der Ort, dem zu entsagen ich wenig Mühe hatte. Wenn das nicht eine selbst verursachte Legende ist, denn ich fühlte mich zuhause, nur erschien mir das Losgehen denkbar einfach. Jetzt, da die Eltern schon länger tot, wage ich das zu schreiben. 
[22/II/2021]

morgens übers blaue wasser, in das wir mit unseren stirnen tauchen, es ist in uns, in ihm lösen wir uns auf, im schlaf, wir träumen davon, bleiben, fallen trocken, magern aus, und dann das verschossene grün der gräser landauf, abfallbehälter, etwas beton, vor den koppeln mit ihrem krautbestand/ wir blauen hinein, hausen uns hinaus und nennen es: ins freie –

als ich zu sehen begann 
zu sprechen 
sprachlos alsdann 
zu denken 
zu gehen
ohne Gedanken 
zu lesen 
zu schreiben 
später 
stotterndes alpha bet 
als ich zu laufen begann 
passte kein schuh 
dachte immerzu 
barfuß über den onkel