Archive für den Monat: Dezember, 2021

direkt vor unserem haus/ nein, nicht vor unserem, vor vieler häuser haus die s-bahntrasse, man hört sie manchmal, die ein-, die ausfahrende bahn, ein knistern der gleise, als ob sie unter spannung, und was da auf ihnen mit wie vielen leuten/ man vernimmt gelegentlich ein sirren und summen, den bordun tieferer töne, was schweres, brahms, ein adagio vielleicht, auf der schiene, in hellhörigen nächten, an sonntagmorgen, oder so der wind günstig/ wenn er das wüsste, wie günstig, er würde es uns in rechnung stellen –

nachts ein wenig schnee, filigranes werk, und fast täglich schon die meldungen prominenten sterbens, xy ist tot, heißt es, als ob nie ein anderer zustand denkbar gewesen/ wie oft wir es uns in der kindheit zugerufen, im geländespiel: du bist tot, und der tote bemühte sich nicht einmal um fassung, es sei denn, er gab widerworte, was dem widersinn des todes den schrecken zu nehmen schien, es war normal, diese worte zu gebrauchen, obgleich es noch dauern mochte, ehe jemand von uns einen toten zu gesicht bekam und in diesem moment dann keine worte haben würde, sodass jegliche äusserung als floskel erscheinen musste, ritual trauerschwerer erwachsener, die vom schweren gang nach hause kamen und kaum etwas erzählten, vielleicht nur, wen sie getroffen, gesehen/ man hatte sich was schwarzes besorgen müssen, dazu einen kranz oder ein gebinde und war über nacht im lausitzer revier geblieben/ xx kanntet ihr ja kaum, sagten sie anderntags und legten ihren schwermut an der flurgaderobe ab, schwarze handschuhe glitten in die nacht des schubkastens, die hüte, nur an sonntagen getragen, all diesen totensonntagen, die ihren mund mit einem grinsen öffneten, auf die obere ablage –

anderswo, im freizeichen von sendeanstalten, verbargst du dich, in entfernter landschaft wuchst du ohne auf, hörtest nur den klang/ jenseits von m. begann, was keine landschaft war, wir vor m. hatten noch das riff der schutthalde, einen hügel, über den die fernstraße verlief, und einen see, an dem das schilf sich jahr für jahr verjüngen sollte; auf den feldern bei w., auch auf unserer seite, wurde experimentiert, schraffur unterschiedlich bestellter flächen im karomuster, flecken, flachbauten – 

als ich noch sonnen zeichnen sollte, in der therapie, sich mein reden mit dem des regens vermischte, so oft ich dessen niederkunft beobachtete, hinterm sicherheitsglas, das wachstum der pfütze in der kurve nah am haus, und die dornen auf der mauerkrone der haftanstalt jenseits des baches widerworte geben mochten, die ich besser nie vernommen, so der elterliche traum

hast dich in mich hineingeträumt, neulich, wachte davon auf, da war kein lied, das nachzusingen nötig, keine strophe, die auswendig, die wendigkeit verloren allemal, der knochen unwucht gewinnt an gewicht, während gewählte wege abgängig, stunde um stunde –

*inspiriert von Undine Gruenter „Wiegenlied“ in Sinn und Form, Heft 5/2021, S. 619