abtauchen in waldungen, durchdrungen von nebeln (dieser topos des an- und durchscheinenden, in dem die wahrnehmung partiell täuschungen erliegt, nichts sicher, eindeutig, der lichtfall sich einhegt), und sah sie doch im aufstieg verhalten, unterhalb der frostgrenze –

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Kurze Einführung in Ulrike Feibigs Lesung in der Sächs. Akademie d. Künste am 12.12.2016 Dresden

Jeder Mensch collagiert, schreibt Jan Kuhlbrodt sinngemäß in seinem Nachwort zu Ulrike Feibigs ersten Gedichtband „perlicke perlacke, mein Herz schlägt“, und dies betrifft nicht nur wie im vorliegenden Falle eine Methode, um in Schriftform Gedichte resp. Textbilder herzustellen, oder etwa in bildkünstlerischer Hinsicht zu arbeiten. Jedwede Überlieferung, Erinnerung, jegliches Bild, das wir uns machen, besteht im Grunde aus einem Flickenteppich von Momenten, Bedeutungen, Zuschreibungen, Zitationen und Überlagerungen, die vom Einzelnen aufgenommen und zum Teil neu formiert werden. Mit ihren Collagen knüpft Ulrike Feibig an Traditionen der Moderne an, erinnert sei z.B. an Kurt Schwitters, George Grosz oder die filmischen Traumsequenzen des Surrealismus. Aber auch zeitgenössische Autorinnen und Autoren wie etwa Herta Müller oder Jürgen Ploog bedienen und bedienten sich in irgendeiner Weise dieser Technik.

Ulrike Feibig, 1984 in Magdeburg geboren, hat am deutschen Literaturinstitut in Leipzig studiert, ihr künstlerisches Interesse ist indes ein spartenübergreifendes, sie realisiert auch Projekte bildkünstlerischer, tänzerischer und performativer Art.

Für ihre Textgebilde hat sie nicht nur Worte oder Wortgruppen aus Zeitungen, Werbedrucksachen und anderen Papieren geschnitten, sondern auch auf Versatzstücke literarischer Art, auf Gedichte,  Volkslieder, Prosatexte … zurückgegriffen, wie es sich bereits im Titel ihres Bandes ankündigt (perlicke perlacke). Diese in den neuen Kontexten zu betrachten, macht natürlich zusätzlich etwas mit unserer Wahrnehmung. Den Worten eignet nicht nur jeweils eine spezifische Ausdrucksform, und wir haben es nicht allein mit deren unterschiedlicher Ausstrahlung zu tun, sondern vielmehr mit unterschiedlich großen Gebilden in voneinander abweichender Typografie. Im musikalischen Sinne könnte man sie durchaus auch als Notationen begreifen.

Mittels Visualisierung durch Schnitt- und Montagetechnik vermag Ulrike Feibig den Prozess von Sprach-, Wortfindung, der Hinterfragung des Gegebenen  als mehrdimensionales Geschehen erfahrbar zu machen. Wir können beobachten, was mit Sprache, den in ihr herrschenden Übereinkünften, Bedeutungen, der Stellung von Worten in einem bestimmten Sinnzusammenhang passiert. Wortsinn und -bedeutungen sind ohnehin einem steten Wandel unterzogen, weshalb sie oft über eine gewisse Unschärfe und Ausdifferenziertheit gleichermaßen verfügen, einer Eigenart, derer sich Ulrike Feibig spielerisch und souverän bedient.  Die zumeist mit „Übung“ übertitelten Texte nicht nur zu hören, sondern visuell wahrzunehmen, ist ein Gewinn.

herbst laubt sich fort, in diesen stunden sturms, ich wollte nie eine figur sein, eine denkfigur allenfalls –

laufübungen, immer nur winters, im dunkeln, wenn der rauch werdenden feuers in die kehle drang …

nachts regen, ein trommeln schon, mit den knöcheln, als sollte was wachgerufen werden, oder auf (wach, aus dem beziehungstraum, der albdruckarena, dem bedeutungsschlaf, aus des schlafes achtsamkeit, ins dunkel –

er fährt ins laub, mit dem besen, hat viel zu lange geschlafen, auch …

autumn, autumn, das laub detoniert in gräben, die wir längst aufgegeben

die leere, so der morgendliche traum verloren, allein abstufungen des lichts erinnerlich, die ich notiere in einer schrift, die ob der scham des vergessens nur noch unleserlicher wird, dieser subtext, gleich einem beiboot, in dem das gepäck platz findet, das einen womöglich in die tiefe zieht – bleibt die brailleschrift regens, auf dem tisch draußen, in einem moment, in dem man schon einen schatten wirft –

zwölfter october und nichts im sinn, die nächtlichen traumgebäude abgesunken, da bleibt nichts, nicht mal ein loch, das bekunden könnte – wenig glaubhaft das alles, amselmund wittert sich in den herbst, da ist eine melancholie in den verhohlenen rufen, die mensch kaum anders deuten mag, bar aller illusionen, hängt er doch einer größeren an …

es war ihm darum gegangen, die fremdheit im eigenen zu behaupten, weshalb er französische titel bevorzugte, eine sprache, die fremd genug, sie zu verstehen …