Archive für Beiträge mit Schlagwort: wolfgang_hilbig

„Die elfte These …“ Utopisches Nachdenken bei Wolfgang Hilbig lautete der Titel eines Podiumsgesprächs Anfang Juni in Leipzig, zu dem ich neben Helmut Böttiger (Literaturkritiker) und Stephan Pabst (Germanist) als Teilnehmerin geladen war  (09. Juni 2016 im Literaturhaus Leipzig). Vorbereitend machte ich mir Notizen, sowohl zu Utopien im Allgemeinen als auch zum Erscheinen utopischer Aspekte (oder deren Fehlen) in Hilbigs Texten. So ich mit Anderen über die bevorstehende Veranstaltung sprach, dominierte die Ansicht, bei diesem Dichter hätte man es doch eher mit Dystopien zu tun, dem Lebens- und Erfahrungshintergrund geschuldet, angesichts behaupteter Erfüllungsorte von Utopie. Und was ich in Hilbigs Texten beobachten konnte, war eine unverhohlene Skepsis gegenüber Utopien, deren Negation außerhalb der Sprache.

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da ich gerade nochmal den anfang von hilbigs provisorium lese, jene stelle, wo er sich in münchen aufhält, in der wohnung eines freundes, der auf längerer fahrt, und ihm eines abends schlagartig bewußt wird, hier eigentlich fremd zu sein, in diesem land, in dem er doch schon zwei jahre lebte und seine herkunft beinahe vergessen – ich erinnere mich in diesem moment der eigenen verunsicherung, als ich im oktober ’89 in einem riesigen hotel in frankfurt/m. untergebracht war, gelegentlich der buchmesse, zu der mein verlag mich eingeladen, und mich kaum an den empfangstresen heranwagte, auf den andere so zielstrebig zusteuerten, um ein- oder auszuchecken, nach post zu fragen – ich ließ ihnen den vortritt, jenen, die scheinbar bestens vertraut mit dieser welt und ohne zu zögern an mir vorbei, die bediensteten sofort auf sich aufmerksam zu machen wußten, während ich mich ans ende der theke bewegte, zaghaft, zage … Ich fand das anfangs eine nummer zu groß, zu chic für mich, vertelefonierte auf dem zimmer eine menge geld …

warum ich bei der lektüre von hilbigs „einfriedung“ zunächst nur stockend vorankam – der in den text eingepasste traum schien dafür verantwortlich, vielleicht, weil er nicht ursprünglich teil des poetischen verfahrens im vorliegenden text gewesen ist. Traumsequenzen, die in erzähltexte integriert und als solche auch annonciert werden, eignet öfters eine gewisse künstlichkeit, selbst wenn sie nicht erfunden sind. Es mag der ihnen zudiktierten funktionalität und beweiskräftigkeit geschuldet sein (nein, ich spreche träumen per se nicht ab, daß dies ihnen immanent, in subtilerer art, als es jegliche zuschreibung zu leisten vermag, und die künstlichkeit der begriffe hier zeigt, womit wir es zu tun haben), daß sie wie fremdkörper wirken und mich vom grunde der erzählebene und -zeit entheben … Die aufzeichnung des traums selbst stellt dessen innere verletzung dar, aber anders ist er auch nicht zu haben …

 

Lesart zu Wolfgang Hilbigs Kurzprosa Idyll und Bungalows
Das Morbide, das diese Erzählungen atmosphärisch prägt (in Idyll stößt der Ich-Erzähler auf eine halb zerfallene Mühle, erkundet die Räume, beginnt zu träumen; in der zweiten Erzählung zieht er sich zum Schreiben in einen leerstehenden Bungalow zurück, am Rande der Ortschaft), hatte mich gleichermaßen angezogen wie abgestoßen, der Ding-Welt verhaftet, weshalb ich diese Texte immer wieder lesen, mich immer von neuem hinein begeben mußte.

Hinein in diese Wucherungen, Abgründe, in denen ich verloren zu gehen, mich dem Erzähler gleich zu vergessen drohte, und in denen ich aus der Welt herausgenommen war, weil die beschriebenen Orte als Unorte längst schon von der Erinnerung aufgezehrt, nicht einmal mehr erfahrbar waren. Örtlichkeiten, an der Peripherie von Siedlungen gelegen, im Range von Wüstungen oder der einen und anderen Wüsten Mark, wie sie zahlreich in dieser Gegend zu finden waren, den Braunkohlerevieren südlich und nordwestlich von Leipzig, und zumindest dafür sorgten, daß es Legenden gab, die diese Orte mit der Außenwelt zu verknüpfen vermochten.

Legenden gleich Sicherungsleinen, damit sie nicht entgültig abdrifteten, in die Leere, in etwas, dem nicht einmal mehr ein Name eigen, das keine Bezeichnung verdiente, eine Existenz, die mit Worten nicht zu fassen ist, weil es dafür keine Worte gibt, für das Namenlose, und jeglicher Beschreibungsversuch scheitern müßte, und doch hat W.H. es vermocht, diesem Namenlosen einen Ort zu schaffen, der es ortbar machte … Und uns erfahrbar, daß wir nichts als Tagelöhner sind, Tagelöhner der Poesie, der Wirklichkeit, die ein strenges Regiment führt, einem nichts schenkt, es sei denn in einem anderen Sinne … und wir lediglich hineingeliehen, in diese Rolle …

Jayne-Ann Igel
Die beiden Erzählungen sind erstmals in „Stimme Stimme“ erschienen, Reclam Verlag, Leipzig 1983. Neu editiert in W.H. Erzählungen. – Frankfurt/M.: S. Fischer Taschenbuch Verlag, 2002.