etwas zu versäumen, als umhegte man einen zeitraum mit einem saum, das weite feld der saumseligkeiten, und dieser saum scheint unüberwindlich – man hat es versäumt, pflichten nachzukommen, d.h. sich eingesponnen im raum der pflichtvergessenheit, oder hat sich am rande bewegt, am rande dieses versäumnisses, als handelte es sich um eine brache, die zu betreten man zögert, gesäumt von hecken, wiesenrain oder graben, in dem eine widerborstige sorte gras aufzüngelt; man widmet sich der verstetigung des saums mittels kett- oder kreuzstich und achtet darauf, daß er sich nicht aufdröselt, ausfranst und auszuufern beginnt – das ist der punkt, wo jegliches versäumnis sich zum verhängnis auszuweiten droht und man den blick voll schauder abwendet, wo es nicht mehr hilft, sich im zaum der saumseligkeiten zu halten …

samstagmorgen vor sieben, im viertel schwärmen die männer aus, mit stoffbeuteln, ziel die nächstgelegene bäckerei, und aus den tiefgaragen tauchen die ersten karossen auf, kühler voran – so mag man es auch von oben her sehen, von einem der balkone an jenem bizarren nachwendebau, tektonische erhebung der neusteinreichenzeit, koniferen und krüppelkiefern grüßen herab, die hausen da auf kargem grund, umfangen von der brüstungshand, und schielen auf die straße: irre, was da abläuft, hin und wieder, mit und ohne hund; doch zunächst die zöglinge der autoindustrie, nicht von pappe, dann ein lieferwagen, der gelb-grämliche von der post, und nun der auftritt eines hundes, der hebt die nase kaum, obgleich das wetter nicht zu verachten, nur der wind etwas zage – vielleicht ist es ja gerade das, was er seinem diener abverlangt: mehr davon, nicht nur einen hauch!

Kuckucksrufe von fern, eine abzählbare folge, so wie ich sie in der kindheit wahrgenommen, zumeist von jenseits der haftanstalt, aus richtung w., wo landwirtschaft und noch einige streifen waldes zu finden, unberührt, entlang eines fließgewässers, und auch der friedhof, außerhalb des ortes, nicht etwa an dessen rand, düsterer verwilderter efeuhort, umstellt von hecken, die schmiedeeiserne pforte halb offen, im hintergrund die kapelle, verschlossen, spielte keine rolle mehr … Gelegentlich fuhr ich dorthin, hielt mich in der ungewißheit auf (wo die schatten länger und länger, als gäbe es keinen mittag, nimmer), an der gabelung zweier wege gelegen, verbarg mich im gestrüpp, so jemand sich der stelle näherte; die inschriften auf den steinernen platten schienen mich nicht zu interessieren, oder waren unlesbar geworden, von der zeit versehrt, vom efeu eingenommen …

jetzt, nach Sonnenaufgang, da die Wolken ihre Farbigkeit verlieren – eben noch überzogen von einem orangefarbenen Schimmer erscheinen sie nun aschgrau (seltsam, diese Koinzidenz der Farbwechsel von Laternenlicht und Kohlenasche zu Anfang der 80er Jahre: ersteres von Fahlgrün zu Kupfer, zunächst an den Kreuzungsbereichen, bevor es Straßen- um Straßenzug einnehmen sollte, und zur gleichen Zeit wandelte sich das Grau der Asche in einen rötlichen Ton, woran, wie man allgemein mutmaßte, die in den Handel gelangten Briketts aus einer wasserhaltigeren Braunkohle verantwortlich waren. Verlautbart wurde darüber nichts, kein Abgesang von der leichenblassen Asche resp. von dem, was an Bildern man davon im Kopf hatte, von Kindheit an, den verschiedenen Arten von Asche -

bei solch einem wetter, nieselregen, beschlägt sich das innere auge, dachte ich eben, alles erscheint gedämpft, doch das grün an den bäumen umso intensiver, was also den eingangsgedanken eigentlich konterkariert, und trotzdem ist es wahr, im sinne der gleichzeitigkeit sich durchaus widersprechender wahrnehmungen, sonderheiten – von tatsachen sprechen möchte ich da nicht, denn wessen verantwortung wäre diese nun schon einige tage währende witterung anzulasten? Das tier, jenes, das auf zwei beinen sich fortbewegt, in der regel, mit oder ohne viel verstand, nimmt witterung auf, wiewohl es das längst verlernt hat, und betreibt wetterstationen, so etwas wie die eiserne lunge für ein organ, das abgestorben, es guckt in die wolken und denkt sich was, gelegentlich läßt es flugzeuge aufsteigen und die regenwolken vertreiben, was für ein spaß; es ersehnt sich die fähigkeit zurück, ungemach zu wittern, und beschäftigt dafür meteorologen, vordenker, voraussager aller coleur und zeigt sich jedesmal von neuem überrascht, wenn das ding nicht so läuft oder anders als gedacht, es aus dem ruder läuft (jesus was a sailor) – es versucht es immer wieder, geht auf die pirsch (das unterholz knirscht), hängt die nase in den wind …

1974, als der zeitgenosse längst mit dem kopf in der schlinge, und das wußte er genau, daß der nicht ohne weiteres herauszuziehen – all das nur, weil ihm zwei jahre vorher etwas geritten, von dem nun nicht mehr als ein schatten geblieben, der rest von diesem geist, der ihn getrieben, zu jenem entschluß – nichts war geblieben vom glauben, daß es der richtige … ’73 mochte er gedacht haben: noch ein jahr, und was passiert nicht alles in einem jahr. Anfang ’74 vermochte er sich an das abgelaufene kaum mehr zu erinnern, und auch nicht, wie er das neue begonnen, nach der wie üblich durchwachten nacht: der neue abreißkalender, dieser batzen, durchscheinend jedes blatt, hing schon am nagel in der elterlichen küche, vorab nach sprüchen durchforstet, sentenzen – all das nach einem jahr, das er als aufwühlend empfunden und sich, ob der verpflichtung, zunehmend als wackelkandidat. Töricht hatte er sie schon im herbst des jahres empfunden, da er sie eingegangen, spät, zu spät, obgleich da noch zwei jahre vor ihm lagen – in zwei jahren kann so allerlei passieren, was das ungemach, daß er sich zugezogen, vielleicht von selbst auflöste … November 1974, darauf sollte alles hinauslaufen, das datum erschien dem zeitgenossen als nebelwand, in der verschwand, was seine zukunft ausmachte, jegliche vorstellung davon; eine nebelwand taugte nicht als projektionsfläche, das grau schluckt alles, das hatte er selbst gelegentlich eines herbstlichen spätnachmittags erleben können, da sie vom westen herangerückt, zunächst das licht der tiefstehenden sonne schluckend, dann hatte sie sich den straßenzug vorgenommen, haus für haus war aufgegangen in diesem grau, das gleich zement … Und nun ankunft auf einem bahnsteig jwd, unterm licht der peitschenlampen ins revier, stiefel, koppel, tarnumhang, angemaßt und abgefaßt, in die stube zwischen drei und vier, im grauzeug ins bett gesunken, im gaslicht der dämmerung aufgewacht, mit dem gefühl, eingeschlossen zu sein in dieser stube, diesem licht …

vom hörensagen geisterte mir durch den kopf, als ich morgens die meisen im ahorn beobachtete – das meiste über das verhalten einheimischer vögel weiß ich nur vom hörensagen … Und habe diese redewendung oft ver-, jedoch kaum einmal in schriftgestalt wahrgenommen. Natürlich sofort der gedanke an die sage, die über jahrhunderte allein mündlich überliefert worden ist, über generationen weitergegeben, und möglicherweise gerade deshalb diese bezeichnung erhielt, während die ansage lediglich ein abglanz davon. Es steckte zündstoff in der sage, dynamit, das ging um und um, durch vielerlei mund, nach aller regel und kunst, und wer den mund zu voll genommen, ist hernach vielleicht auf den hund gekommen, oder hinter schloß und riegel, verurteilt von einem, der das sagen hatte …

ein blatt papier auf dem schreibtisch, seit jahren, auf das ich ab und an ein paar worte notiert, zusammenhanglos zumeist, selten halbsätze, worte, die mir irgendwann anstößig erschienen, umgeben von einer aura, einen sinn- oder schwingraum, atmosphäre, und ich wagte es kaum, sie fernerhin anzurühren …

drei worte stechen hervor, jedesmal, wenn mein blick zu diesem blatt geht: butterweich kopfnuß wermut – sämtlich in schwarzer tinte aufnotiert, einer samtweichen, die über die jahre verblaßt und nun in einem verschossenen grün erscheint, während der worte schatten möglicherweise schon längst in einen anderen textraum abgetaucht -

Der zeitgenosse schreibt: qwertzu und hat eine aussage getroffen, die völlig wertfrei, in welcher abfolge die finger sich auch bewegen … Maschineschreiben leitfaden teil 1, in der löhrstraße, im blindflug über die tastatur: taftkleid – ein solches hat er noch nie gesehen, aber es berührt ihn, ihn berühren die worte der ersten lektion; die dozentin gibt den takt vor, eilt von platz zu platz, korrigiert die haltung der hände, den sitz der finger auf der tastatur, diktiert asparagus falcatus, heilloses gewächs im lichte diverser großraumbüros, von denen er eines genauer kennt, das zischeln der lanzettlich geformten blätter, wenn jemand vorüberstreift … Draußen ist nacht, während es im saale dröhnt, von hunderten von anschlägen: das machen Sie schon ganz schön, neues blatt, nicht auf die walze geschrieben, nicht nachgedacht – schreiben, schreiben, auch wenn es kaum sinn hat, das taftkleid nur eine behauptung ist, eine metapher, der wagen rutscht, tempo tempo, neue zeile …

traumwärts der eindruck, in der elterlichen wohnung zu liegen, in der enklave, auf dem sofa, in meinem rücken der vater, während ich mit blick zum fenster hinaus, knapp über die tischkante (ins gelände, das grau … und was diesen blick bislang gestört, war verschwunden, jene überbordende topfpflanze mit den kugelfrüchtchen, ewig verlaust – ich meinte ihn grummeln zu hören, im halbschlaf, er habe sie entfernt) …

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