Archive für Kategorie: Werkstatt

hab einen wortschatz angesammelt, kann ihn nicht wiederfinden, wo –

der regen trieb morgens durch nebelbänke, die standen quer – wie war es doch, sich in die reihe zu schieben, zu schweigen, in der gewißheit, nicht mehr gefragt zu werden, weil immer zu spät ins leben getreten, aber letztendlich in den trott gekommen, wahrheiten vernommen, die mär von der eigenen wiederkehr …

die oberen zwei zeilen gehören zu einem text, der sich in anderer form in „Traumwache“ wiederfindet, während mir zu dieser traumaufzeichnung der zugang verborgen geblieben …traumfragment 1995

„Die elfte These …“ Utopisches Nachdenken bei Wolfgang Hilbig lautete der Titel eines Podiumsgesprächs Anfang Juni in Leipzig, zu dem ich neben Helmut Böttiger (Literaturkritiker) und Stephan Pabst (Germanist) als Teilnehmerin geladen war  (09. Juni 2016 im Literaturhaus Leipzig). Vorbereitend machte ich mir Notizen, sowohl zu Utopien im Allgemeinen als auch zum Erscheinen utopischer Aspekte (oder deren Fehlen) in Hilbigs Texten. So ich mit Anderen über die bevorstehende Veranstaltung sprach, dominierte die Ansicht, bei diesem Dichter hätte man es doch eher mit Dystopien zu tun, dem Lebens- und Erfahrungshintergrund geschuldet, angesichts behaupteter Erfüllungsorte von Utopie. Und was ich in Hilbigs Texten beobachten konnte, war eine unverhohlene Skepsis gegenüber Utopien, deren Negation außerhalb der Sprache.

Den Rest des Beitrags lesen »

wir verschwinden im kosmischen nebel, irgendwann; am morgen der irdische, über den baumkronen, der ein grau zeitigte, das den horizont aufhob (was da war, währt, sein wird, ist schon passé, beinahe – tote metapher oder klammer, dies beinahe, nichts von nähe, nichts von bestand; eiterung verursachender wundverschluß, unakzeptabel, das sagt alles; ohne geräusch senkte sich der vorhang …

in der nacht kaum tau, die wetter stehen wohl heute an; gestern nach zehn noch eine runde gedreht, der katze wegen, erfolglos, ab und an nur einen ihrer gefährten gesehen, hier im revier, und das bedauern, sie nicht einfach fragen zu können, weil man ihrer sprache nicht mächtig (was vielleicht eine sinnvolle menschheitsaufgabe gewesen, die sprachen all jener zu erlernen, die das gesetz zu mitgeschöpfen erklärt hat: solch biblischer zungenschlag im laizistischen staat, der so gern auf christliche kultur und werte insistiert, auf tugenden, welche er selbst doch beständig verletzt -)

[für die Anregung, Tagebucheinträge aus zurückliegenden Jahren auszuwählen, geht mein Dank an Florian Becker, der den Blog TagesTinte betreibt]

In den arbeitsnotizen zum traum aus den 90er jahren fand sich folgender text, der wie die demoversion einer traumaufzeichnung erscheint:

In der ferne ein roter wagen, die spritzpistole des feuerwehrmannes hebt sich schwarz vom lack des fahrzeuges ab, braune nester von pfützen auf den gehsteigen, im beigen mantel der mich bedrohende fahrzeughalter, gedrungener körper, gezwungenes lächeln, überm kragen geschwungene augenbrauenfalter – ich kehr ihm den rücken, laufe durch die pfützen davon

Die Thematik der „Berliner Tatsachen“, 2009 erschienen, eine Art negativer Entwicklungsroman en miniatur, in dem es um einen Helden geht, der sich zum Verschwinden bringen, verlieren möchte, geisterte mir schon länger durch den Kopf, schlug sich in Tagebuchnotizen wie folgenden nieder:

Das verschwinden, gelegentliche wiederauftauchen des zeitgenossen als metapher resp. in gestalt einer metapher – das grundthema eines neuen textes? Das verschwinden und wiederauftauchen in einer struktur, einem gefüge, in dieser verworfenen landschaft – dieser strang ein bruch der regel, regelmäßigkeit, das auftauchen an unvermuteter stelle (wie es im verworfenen verena-text subsummiert); geschichte unserer wanderungen, wandlungen, eine geistesgeschichte (in welcher intensität habe ich uns im aufbruch erlebt?!); zur gestalt der zukünftigen notierte ich: ein drachen an zu kurzer leine, der nur zu tänzeln vermag, hin- und hergerissen

[nach tageb. 17/I/2005]

Den Rest des Beitrags lesen »

gestern mittag der begriff epochenschmerz – ich weiß nicht mehr, an was ich gerade dachte, in welchem kontext mir dieser begriff aufschien, der auch eine umschreibung für das leiden an den verhältnissen darstellen mag, an den verhältnissen, von denen eine epoche geprägt resp. diese ausmachen und in die man involviert – erinnerlich ist mir nur, daß mein blick zuvor auf richters 89/90 gefallen und mir danach tellkamps turm und seilers kruso in den sinn gekommen waren, obgleich alle drei zuvörderst eine endzeit abbilden, in der noch einmal vieles von dem an die oberfläche trieb, was jahre- oder jahrzehntelang mehr oder weniger das wesen dieser epoche bestimmt hatte, genannt deutsche demokratische republik … Näherliegend wäre es, in diesem zusammenhang an einen analytisch genauen dichter wie volker braun zu denken, in dessen werk der epochenschmerz eine art roten faden bildet, angefangen von die kipper bis hin zu machwerk und werktage.

In den suchmaschinen fand sich nur ein treffer für diesen begriff, jan peter grevel* verwendet ihn in verbindung mit der romantik, schreibt vom epochenschmerz der romantik, dabei geht es um diverse gemälde casper david friedrichs und um schleiermacher, um die frage menschlicher selbstüberhebung und der stellung des menschen in der natur. Bildern von c.d.f. wie mönch am meer und abtei im eichwald attestiert er eine demutsvoll-resignative Einsicht in die Begrenztheit menschlicher Möglichkeiten inmitten des Kosmos, und erkennt darin auch einen moderne-kritischen Reflex, wie er sich hier z.b. in der darstellung eines einsamen menschen in der natur zeige …

*Jan Peter Grevel: Mit Gott im Grünen. Eine Praktische Theologie der Naturerfahrung. Vandenhoek & Ruprecht, 2014.

träumte von schwarzen kästen, die entlang einer straße, in der dämmerung, und folgerichtig der gedanke an die camera obscura, das einfallende licht, die leere, mit der die schwärze, die finsternis oft in zusammenhang gebracht wird, um im gleichen atemzug darüber zu spekulieren, was sich dahinter verbergen mag, oder in ihr, der schwärze, im schwarzen loch – wir denken an un- und unterbewußtes, an eine materie im status der unwägbarkeit, während das weiß als leere erscheint, in der und hinter der nichts anderes als wiederum leere, das nichts, im kontext des manichäismus als erfüllung gesehen, als etwas, das vielleicht mystisch, aber dennoch kein geheimnis birgt. Warum tragen wir in der trauer schwarz (die toten in der black box), etwa, weil unsere vorfahren die toten in ein geheimnis, dessen materialität, übergehen sahen, benannt das reich der toten, das in stetem wachsen begriffen? Seltsamerweise spricht der christliche glaube davon, daß die seelen in die himmel, also, so übersetze ich es für mich, in die weiße empfängnis, die erlösung kommen, ins licht, und wir in unseren trauerroben eher dem abgelebten verpflichtet bleiben, als hinterbliebene. Im jahre 60 nach christus glaubte niemand mehr, zu spät auf die welt gekommen zu sein, alles war auf vor eingestellt …