Archive für Kategorie: Werkstatt

es war ihm darum gegangen, die fremdheit im eigenen zu behaupten, weshalb er französische titel bevorzugte, eine sprache, die fremd genug, sie zu verstehen …

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immer noch diese zeile im kopf, die mir vor tagen ein- oder zufiel:

wenn das licht verascht, am morgen

und sie erinnert mich an volker brauns topos vom knirschenden morgen – was da an verheißung, im aufbruch, wird grau, und es ist eine ermüdung darin, er will kaum losgehen – ich weiß nicht mehr, ob ich das damals so begriffen habe: dass dies zukunftsversprechen schon im beginnen versackt, verpufft, obgleich der hoffnungskader viele – die crux liegt immer im beginnen, im ansatz …

jener bursche in der bahn, etwa sieben jahre alt, dicke brillengläser, den ich im schwarz hinterlegten spiegel des fensterglases erblickte – ich musste immer wieder hinschauen, zu diesem jungen, der etwas unbeholfen in seinen bewegungen wirkte, dazu auch überdreht – die  lange fahrt nach k. hoch redete er auf seine mutter ein, insistierte auf etwas, das sie nach ihrer ankunft zu hause unbedingt tun wollten, ja sollten, es hörte sich so an, als machte er einen vorschlag, verpackt in einen fragesatz, dessen gegenstand kaum variierte und den er nach kurzen pausen wiederholte – es steckte soviel an erwartung darin, dass ich davon ganz eingenommen war, während die mutter nicht darauf einzugehen schien – es war, als hinge seine existenz davon ab, dieses mögliche, vor ihnen liegende immer von neuem zur sprache zu bringen, es zu fixieren, und es erweckte den eindruck, als gedachte er seine mutter so zu trösten, doch die zeigte sich zunehmend peinlich berührt, versuchte ihn zum schweigen zu bringen, in dieser bahn, in der das größere schweigen schon einzug gehalten, und ich stierte in die schwärze des glases, in diese nicht zu leerende finsternis mit dem abbild des jungen, der schwarz geränderten brille, die mich an irgendjemand erinnerte; dann verließ ich den wagen und sah sie auf ihrem doppelsitz, der tür halb zugewandt, miteinander ringen …

es ist ein fremdes, verlorenes dieser tage, allein das fotografieren funktioniert noch und zeitigt bilder, die ich lang anschauen mag; auf dem display erscheinen sie wie gerahmt, hinter glas, berührbar und doch entrückt, entzogen, darin die widerspiegelungen dessen, was sich in ihm bricht, widerspricht …

unter einer brücke hindurch, auf der anderen seite regnete es, hatten sich pfützen gebildet, auf dem asphalt, dies typische schwarzgraue geplänkel, ich spürte den regen nicht, sah nur die auf dem wasser aufkommenden tropfen und dachte: nützt nun ja alles nicht, lief weiter, erinnerte mich der eisenbahnbrücke in r., die ich gelegentlich unterquert, jenseits derer man unvermittelt in einer welt, die eine andere sprache hatte, eine sprache, deren geschmack man in den vorortzügen zu spüren bekam, zentralwerkstatt, werkhallen, baracken, wildwuchs von gräsern, einer lost-generation von gewächsen, die im stadium des vergilbens, immerzu, dieser grad von verwesung, so wie die sprache lediglich auf ein vorleben hindeutete, ein endliches, ohne fragesätze, stets die absenkung am ende, in diesen ansätzen, und dann die grindigen schalen der äpfel in den vorgärten, die sie zu unberührbaren machten, einer sorte von hartgesottenen, die ihr nachleben in einweckgläsern fristeten, ein testament für die nachgeborenen …

hab einen wortschatz angesammelt, kann ihn nicht wiederfinden, wo –

der regen trieb morgens durch nebelbänke, die standen quer – wie war es doch, sich in die reihe zu schieben, zu schweigen, in der gewißheit, nicht mehr gefragt zu werden, weil immer zu spät ins leben getreten, aber letztendlich in den trott gekommen, wahrheiten vernommen, die mär von der eigenen wiederkehr …

die oberen zwei zeilen gehören zu einem text, der sich in anderer form in „Traumwache“ wiederfindet, während mir zu dieser traumaufzeichnung der zugang verborgen geblieben …traumfragment 1995

„Die elfte These …“ Utopisches Nachdenken bei Wolfgang Hilbig lautete der Titel eines Podiumsgesprächs Anfang Juni in Leipzig, zu dem ich neben Helmut Böttiger (Literaturkritiker) und Stephan Pabst (Germanist) als Teilnehmerin geladen war  (09. Juni 2016 im Literaturhaus Leipzig). Vorbereitend machte ich mir Notizen, sowohl zu Utopien im Allgemeinen als auch zum Erscheinen utopischer Aspekte (oder deren Fehlen) in Hilbigs Texten. So ich mit Anderen über die bevorstehende Veranstaltung sprach, dominierte die Ansicht, bei diesem Dichter hätte man es doch eher mit Dystopien zu tun, dem Lebens- und Erfahrungshintergrund geschuldet, angesichts behaupteter Erfüllungsorte von Utopie. Und was ich in Hilbigs Texten beobachten konnte, war eine unverhohlene Skepsis gegenüber Utopien, deren Negation außerhalb der Sprache.

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wir verschwinden im kosmischen nebel, irgendwann; am morgen der irdische, über den baumkronen, der ein grau zeitigte, das den horizont aufhob (was da war, währt, sein wird, ist schon passé, beinahe – tote metapher oder klammer, dies beinahe, nichts von nähe, nichts von bestand; eiterung verursachender wundverschluß, unakzeptabel, das sagt alles; ohne geräusch senkte sich der vorhang …