Tilo Krause erschafft einen Kosmos, in dem sowohl Tiere als auch reale und fiktive Gestalten wie etwa Enzo oder ein gewisser Mönch namens Bittermelone einen Platz haben. Er vermag sich in Naturdinge einzufühlen, sich deren Blickwinkel zu eigen zu machen, sie wesenhaft hervortreten zu lassen und darin auch ein Gespür fürs Vergängliche zu entwickeln – wir folgen den Bewegungen eines Feuersalamanders, berühren dessen knisternden Leib (S. 43) oder beobachten, wie im Dunkeln der kleine Trupp Kerne hockt, auf Licht wartet (S. 38).

Diese Einfühlungsgabe scheint nur folgerichtig, denn Thilo Krauses Dichterleben ist im hohen Maße auch das Leben eines Forschers (als solcher arbeitet er an einem Institut der ETH Zürich, forscht zu intelligenten Energienetzen und zur elektrischen Energieübertragung), und er mag sich hierin gar nicht im Widerspruch zum Erkundungsdrang vermittels des Instrumentariums poetischen Sprechens sehen, auch wenn Erfahrungen aus dem Berufsleben höchstens mittelbar Niederschlag in den Texten finden dürften. Oft holt er die Gegenstände ganz nah heran, beobachtet sie gleichsam unterm Mikroskop der Sprache, die als Präzisionsinstrument zum Einsatz gelangt. Mikroskopisch genau finden sich in den Gedichten zuweilen Mikrokosmen widergespiegelt, und so können wir beispielsweise etwas über das Verhältnis der Bienen zum Wasser erfahren (S. 27) – Indes, bei aller Nähe und naturwissenschaftlichen Objektivität, der Sinn wie das Bewußtsein für Zusammenhänge stehen im Vordergrund, angereichert mit Eindrücken, die das Gefühl unmittelbaren Beteiligtseins, der Gegenwärtigkeit vermitteln, und erst das macht diese poetische Verfahrensweise produktiv.

Das Licht spielt in Krauses Texten eine zentrale Rolle, nicht nur als Licht, in dem die Dinge erscheinen oder unter dem sie betrachtet werden sollten. Es ist ein Licht, das bisweilen knistert (S. 18), im Strauß aus der Brause quillt (S. 76), sich in die Kehle verirrt (S. 21) oder in kleinen Schuppen von der Scheibe abperlt (S. 11). Antithetisch treten Schatten und Nacht in Erscheinung, letztere vorzugsweise schwarz: als ein in die Wand eingelassenes Kistchen Schwarz, gelegentlich mag man ihr auch in Gestalt trotziger (Mohn-) Körnchen begegnen, die sich in Wegritzen verfangen haben, oder im Hinterland, mit dem Schweigen im Maul, das sie von einem Nest ins andere trägt. Und Vorsicht vor den Schatten im Buchengestrüpp, fein wie die Fußangeln der Brombeeren

Wenn dann der Blick über Kiesflächen und Plattenbauten hinweg gleitet, wird ab und an ein Befremden spürbar, ob der zivilisatorischen Monotonie von Stadtrandlandschaften, die in der Inflation von Zeitgenossen in Jogginghosen Ausdruck findet oder in der Vordringlichkeit der Glasscheiben diverser Einkaufszentren, die in blühender Landschaft eher eine Gefährdung darstellen, zumindest für Vögel …

[aus dem Nachwort zu Thilo Krause: Und das ist alles genug. Gedichte. Poetenladen, Leipzig 2012, Band 3 der Reihe Neue Lyrik]

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