Nachts träumte mir von gefrorenen Pfützen, was für den Spätherbst sicherlich nichts Ungewöhnliches, wohl aber bei gleichfalls geträumten fünf Grad plus – Der Traum wartete wie immer mit Tatsachen auf, ohne dafür Erklärungen liefern zu müssen … Die Eishaut auf dem Wasser war dünn, zerbrechlich, das Wetter heiter, das Restlaub leuchtete von den Baumkronen herab, und so ich mich solch einer Witterung auch zu erfreuen vermag, wohnte dem Anblick doch etwas Untröstliches inne, jetzt im November.

Man fühlt sich verlassen, zurückgelassen, alles erscheint blaß um einen her, und man vermeint das Kratzen in der Kehle zu spüren, ein Kratzen, das für diese Jahreszeit charakteristisch – Katarrh, dies wundersame und dem Gesamtzustand der Seele angemessene Wort, überliefert aus dem Griechischen, das ich schon lange Zeit nicht vernommen oder gelesen, obwohl es so überaus zutreffend: Die Seele selbst ist angekratzt, oder das Gemüt (und das, was wir Melancholie nennen, stellt nur ihren Feinschliff dar, den Feinschliff der Seele; unvorstellbar, daß ein Melancholiker hustet, aus sich herausstößt, was ihn im Innersten stört, aufkratzt – der Melancholiker sublimiert und wird auch kaum eine Allgemeinarztpraxis aufsuchen, um sich den Infekt behandeln zu lassen) – Der Katarrh also, der Katarrh der oberen Luftwege, der für dieses Kratzen und Kribbeln ursächlich, scheint völlig in Vergessenheit geraten, und man kann froh sein, daß das Wort überhaupt noch im Duden aufzufinden ist, zumindest im alten, der vor der Rechtschreibereform Gültigkeit besessen.

Die Seele ist also angekratzt, spätestens mit Antritt des Monats November, dem man diverse Gedenktage untergeschoben, angefangen von Allerseelen bis hin zu Buß- und Bettag, Totensonntag und Kleiner Fastenzeit, die die Seele ordentlich bereiten für den vorweihnachtlichen Mürbeteig (es bedarf nur wenig in dieser Zeit, die Seelen zu retten), und schneller dreht sich das Rad, man willigt ein in die Geschwindigkeit … Vergißt peu à peu den Katarrh, lauscht andächtig der Hustenkantate anderer Zeitgenossen in Kino, Konzert oder Kirchenschiff, berauscht von der leichten Übertemperatur – so könnte es bleiben, dieses Fieber macht einen schweben, und im Schlaf sinkt man nicht in Urgründe ab, schwer … Es ist ein Trugschluß, zu glauben, der Melancholiker befinde sich in permanenter Trauer – er ist ein Physiker der Seele, vermag sie im Gleichgewicht zu halten …

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